Die Hauptstücke von Franz Bernhard

 Quelle: Gemeinde

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Bereits die erste Begegnung mit den Hauptstücken verdeutlicht, dass Franz Bernhard mit der Schlichtheit ihrer Formen und ihres Materials seinem Glauben an die Kraft der christlichen Botschaft Ausdruck verleiht. Wie stoische Körper, an denen alles Weltliche abzuprallen scheint, stehen sie dem Gläubigen gegenüber. Aber erst wenn dieser die Auseinandersetzung mit ihrer materiellen und formalen Gestaltung vollzieht, wenn er sich an die dahinter verborgene geistige Aussage herantastet, dann tragen sie zur Bereicherung von Glaubensinhalten bei.

Altar und Ambo

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Die Hauptstücke sind aus dem Urmaterial Holz gefertigt, das im Kirchenraum eine farbliche Einheit mit dem Sandsteinboden eingeht und den Ausdruck beruhigender, ursprünglicher Kraft bewirkt. In der blockhaften Gestaltung von Ambo und Altar entfaltet es seine energievolle Wirkung. Es strahlt Festigkeit, Verlässlichkeit und Stabilität aus.

Das Holz des Ambo untermauert, da es in die kompakte Form des Quaders gepresst wurde, die substanzspendende Kraft, die vom Wort Gottes ausgeht. Damit setzt der Ambo dem Unsichtbaren der geistigen Botschaft die betonte Körperlichkeit und Materialität seines massiven, aber unaufdringlichen Körpers entgegen. Er lässt ferner in der Dichte und Vielschichtigkeit seiner Schicht für Schicht waagerecht übereinandergepressten und verleimten Holzschichtungen, Kontinuität und Stabilität zur Erfahrung werden. Auch in dieser Hinsicht bezieht sich der Ambo auf das Wort Gottes, das von Generation zu Generation weitergetragen wurde und den Menschen zur geistigen Kraft und Nahrung wuchs. Der Künstler hat die Schrägstellung des Ambo beabsichtigt. Denn verlängert man dessen diagonale Ausrichtung, so verweist er auf das Kreuz, dem Mittelpunkt der christlichen Botschaft, dem Bedeutungszentrum der Kirche.

Ambo und Altar wirken in ihrer Schlichtheit wie robuste Körper, die allen Anzweiflungen und Anfeindungen des Glaubens ihre stumme Gegenwart entgegenhalten. Mal grob, mal sanft bearbeitet, entwickeln sie sinnliche Qualitäten, die mit Augen und Händen erfahren werden können. So mancher Kirchenbesucher hat die sanften Schwingungen der weichen Oberfläche der Altarplatte erspürt, indem er die Hände über sie gleiten ließ. Anders dagegen ist das Tasterlebnis der rhythmisch-schrägen Einschnitte, die der Künstler ausstemmte und an die Seitenblöcke von Altar und Ambo anbrachte. Diese markanten Einkerbungen setzen sich über die streng linear angeordneten, waagerechten Holzschichten hinweg und erzeugen auf allen Seiten der massiven Blöcke eine rhythmisch-geometrische Struktur. Diese lässt die Flächen je nach Lichteinfall stets anders erscheinen, wodurch Franz Bernhard die schwere Körperlichkeit seiner Hauptstücke durch die Lebendigkeit ihrer Oberflächengestaltung bereichert.

Das Anliegen des Künstlers, die Hauptstücke mit den räumlichen Gegebenheiten dieser Kirche in Einklang zu bringen, wird insbesondere am Altar deutlich. Dieser ist einfühlsam in den Westraum eingefügt. Denn indem seine äußere Trägerwand die Schräge der Kirchenwand aufgreift, ist er der Asymmetrie des Raumes angeglichen.

Der Altar besteht aus drei schweren rechteckigen Blöcken. Diese sind in ungewohnter, unregelmäßiger Anordnung angelegt. Sie öffnen sich in ihrer diagonalen Ausrichtung zum Gebetsraum und damit zu den Gläubigen. Denn verlängert man diese Quader in den Kirchenraum hinein, dann unterstreichen sie die einladenden und segnenden Gesten des Liturgen.

Der Altar von Franz Bernhard steht wie ein stiller, unverrückbarer und machtvoller Fels für die Unumstößlichkeit der Bedeutung des Abendmahls für unsere Beziehung zu Jesus Christus. Wie den Ambo so lässt der Künstler auch den Altar auf das Kreuz weisen, indem er seine obere Platte wie auch den äußeren Träger diagonal auf dieses ausrichtet. Damit bewegt sich der Altar, obwohl er unverrückbar ist, symbolisch auf das Kreuz zu. Auch ist er absichtsvoll aus insgesamt drei Holzblöcken gebildet, die auf die Dreifaltigkeit verweisen. Der Altar von Franz Bernhard predigt damit die Trinität. Diese wird dabei nicht überhöht, sondern im Irdischen wie aber insbesondere in der Feier des Abendmahls verankert.

Das Kreuz

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Kompositorischer Höhepunkt, Blickfang und Bedeutungszentrum - all dies stellt das zentrale Kreuz dar. Mächtig, aber schlicht erhebt es sich über das Geschehen im Kirchenraum und ist dennoch mittendrin und mit allem verbunden. So weist sein Querbalken von sich weg auf Ambo und Altar, auf die Orte im Kirchenraum also, die im Dienste der Vermittlung christlicher Botschaft stehen. Verbindet man die drei Hauptstücke miteinander, dann entsteht ein Dreieck, das auf die Gegenwart der Dreifaltigkeit im Gottesdienst verweist. Der Künstler verlängert dieses Konzept der Dreieckskomposition sogar in den Kirchenraum hinein durch die Linie zwischen Kreuz und Ambo sowie Kreuz und Altar, die in die Orgel und in die Kanzel münden.
Das Kreuz lädt durch seine leichte Abhebung vom Boden dazu ein, von unten nach oben gelesen zu werden.

Damit offenbart es, dass Jesus aus der Mitte der Menschen kam und durch seinen Tod am Kreuz erhöht wurde. Wir schauen also auf zu dem, der sich für uns erniedrigt hat. Wir schauen auf zu "... Jesus, dem Anfang und Vollender des Glaubens" (Hebräer 12,2).
Nichts an diesem Kreuz ist aalglatt, alles zeugt von der Ehrlichkeit der Materialien, alles zeugt von den Werkspuren des Herstellungsprozesses. So sind die Spuren des Schweißens an den unregelmäßigen Eisenteilen sowie das brutale Hineinschneiden ins Holz deutlich erkennbar. Starre Symmetrie ist absichtsvoll ausgeklammert. Das obere Eisenstück unter der Holzstirn ist z.B. leicht schräg, ja sogar schief angesetzt, wodurch Franz Bernhard die Aufmerksamkeit gerade auf diese Stelle lenkt. Unweigerlich stellt sich das Gefühl ein, bestärkt auch durch die beiden Schrauben, dass sich der obere Schwerpunkt des Kreuzes, zu einem eindringlich schauenden Haupt wandelt.
Der Künstler gab dem Kopfteil, welches aus Holz besteht, ferner scharfe, unregelmäßige Einschnitte, die wie Spuren der Verletzung und des Schmerzes wirken. Hierdurch grenzt er sich als Künstler der Gegenwart von den Jahrhunderte langen Verherrlichungen des grausamen Kreuzigungstodes Jesu ab. Auch das Holz des Kreuzes schichtet er. Jedoch ordnet er es nicht horizontal an wie bei Ambo und Altar, sondern vertikal, so dass die Holzschichtungen eine Verlängerung des senkrechten Kreuzbalkens darstellen, wodurch das von der Erde Wegstrebende des Kreuzes unterstrichen wird.
 
Der aus Holz gestaltete Kopfteil, der auch aus der Seitenansicht eindrucksvoll erlebt wird, ist die bogenförmige Verlängerung der Vertikalen des senkrechten Eisenbalkens. Dabei ist die Stelle, wo er auf die Wand trifft, der einzige Berührungspunkt des Kreuzes mit dieser, so dass es mit leichtem Abstand vor der Wand hängt. Auf diese Weise stellt sich der Eindruck unmerklichen Schwebens, sanften sich Abhebens ein, wodurch die Einheit von Tod und Auferstehung im Kreuzigungstod Jesu erfasst wird.

Alle Werke Franz Bernhards sind zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion angelegt. Selbst der schlichte Eisenteil des Kreuzes atmet die körperliche Gegenwart Jesu Christi. So bewirkt der Querbalken mit der leichten Biegung seiner Endungen nach vorn den Eindruck einer sanft einladenden Armgebärde, wodurch Franz Bernhard eine Ahnung davon im Betrachter erzeugt, dass Jesus die Menschen in sein Sterben mit einbezieht. Damit ist dieses Kreuz Körper und Symbol zugleich. Es ist ein vermenschlichtes, also ein anthropomorphes Kreuz.
 
Das Kreuz besteht aus Holz und rostigem Eisen. Für Franz Bernhard ist Rost ein ehrliches Material, denn es konfrontiert in einer Zeit, die den Tod allzu gern verdrängt, mit Verfall und Endzeitlichkeit. Auch gewinnt der Künstler diesen Materialien, die das Vergängliche, also Hinfällige betonen, ästhetische Reize ab. Eisen und Holz, anorganisches und organisches Material verschmelzen am Kreuz zu einer tiefen Aussage. Wie das Holz des Baumes ein Teil der Schöpfung Gottes ist, so ist Eisen vom Menschen Gemachtes. Und wie das rostige Eisen den Tod symbolisiert, so steht das Holz für Leben.
 
Franz Bernhard verwendet speziell für das Kreuz das Holz eines Birnbaums dieser Kirchengemeinde. Er verbindet es damit symbolhaft mit jedem einzelnen Glied der Gemeinde. Und indem er das Holz gefällter Bäume zu etwas Neuem gestaltet, findet eine Umwandlung statt, die wiederum in Verbindung mit dem Bedeutungswandel des Kreuzes vom Todes- zum Lebenssymbol gesehen werden kann.
Die Wahrhaftigkeit mit der das Kreuz gestaltet ist, berührt und ergreift, wo verstandesmäßiges Begreifen des Sterbens und der Auferstehung Jesu Christi versagt ist. Das Kreuz von Franz Bernhard zeigt, dass Jesus in dieser Welt ist, aber auch über sie hinausweist. In der gesammelten, stillen Kraft seiner beruhigenden Gegenwart macht es spürbar, dass Gott sein immerwährendes für-uns-Dasein anbietet.