Lützelsachsen bekommt eine eigene reformierte Kirche


Am 23. März 1768 fand in Hohensachsen eine Schulprüfung unter Vorsitz des Inspektors Pfarrer Mieg aus Weinheim statt. (1) Anwesend waren die Gemeindevertreter von Hohensachsen und Lützelsachsen, der damalige Hohensachsener Pfarrer Doll und die Lehrer. Dabei kam es zu unerquicklichen Meinungsverschiedenheiten bezüglich der Verwendung kirchlicher Almosengelder für schulische Zwecke. Schließlich scheinen die Meinungsverschiedenheiten in Beleidigungen und Tätlichkeiten ausgeartet zu sein - und das im Beisein des Dekans und vor versammelter Schuljugend! Erbittert kehrten die Lützelsachsener heim und beschlossen, sich von Hohensachsen zu trennen und endlich eine eigene Kirche zu bauen.
Man reichte an die kurpfälzische Regierung in Heidelberg ein Gesuch ein und erlangte, dass der Bau von staatlicher und kirchlicher Seite genehmigt wurde: Am 8. Mai 1769 teilte die kurpfälzische Regierung durch Kirchenrat Müller aus Schwetzingen mit, dass das Lützelsachsener Gesuch befürwortet wird. (2) Der reformierte Pfarrer von Hohensachsen sollte jeden zweiten Sonntag in der neu zu errichtenden Kirche von Lützelsachsen Gottesdienst abhalten: "der zu Hohensachsen wohnende dermahlige Pfarrer Doll...(soll).. in sothaner neu zu erbauender Kirch allsonntäglich wechselweiß mit Hohensachsen auf die nehmliche Arth und Weise, wie es vormahlen mit Großsachsen geschehen, den Gottesdienst verrichten gehalten seyn,...".(3)
Sofort schritt man in Lützelsachsen zur Tat und kaufte - wie es heißt - am nächsten Tag von Peter Bitzel um 90 Gulden einen Hausplatz. (2) Dies ist der Platz, auf dem die evangelische Kirche heute noch steht, einschließlich dem zugehörigen Kirchengarten. Damals lag das Grundstück jedoch auf Hohensachsener Gemarkung, so dass die Hohensachsener gegen den beabsichtigten Bau Einspruch erhoben. Nach langwierigen Verhandlungen, bei denen die Lützelsachsener das Grundstück als "Dornwinkel", die Hohensachsener es als "Obstgarten" bezeichneten, kam die Sache vor den Oberamtmann. Man einigte sich schließlich auf einen Tausch: Der Platz, sowie alle Häuser, Gärten und Äcker vom Gemeindebach an in Richtung Hohensachsen - fielen an Lützelsachsen, während Hohensachsen dafür mit Gelände "Im Stürzfluß" und mit oberhalb desselben liegenden Gewannen entschädigt wurde. Am 7. Oktober 1769 kaufte die Gemeinde ebenfalls von Peter Bitzel ein Wohnhaus in der Wintergasse, an dessen Stelle sie später das alte Schulhaus erbaute. (2)
Um die Mittel für den Kirchenbau aufzubringen, wurde im Jahre 1770 innerhalb der reformierten Gemeinde von Lützelsachsen eine Geldsammlung durchgeführt, die den ansehnlichen Betrag von 1702 Gulden und 30 Kreuzer ergab. Dies reichte aber bei weitem nicht aus, um mit dem Bau der Kirche zu beginnen. Man wandte sich also an den Kurfürsten Karl Theodor mit der Bitte um Erlaubnis, eine Sammlung außerhalb des Ortes durchführen zu dürfen. Der katholische Kurfürst stellte am 2. Mai 1770 ein "Sammlungs-Patent" aus (2 und 4) und ersuchte, den Sammlern keine Schwierigkeiten zu bereiten, sondern ihnen "Vorschub zu leisten":
"Wir Karl Theodor von Gottes Gnaden Pfalzgraf bey Rhein, des Heiligen Römischen Reiches, Erzschatzmeister und Kurfürst in Baiern, zu Gülich, Cleve und Berg usw...
Fügen hiemit zu wissen, nachdeme bei Uns die unterthänigste Anzeige geschehen, was masen die reformierte Gemeind zu Lützelsachsen, Ober Ambts Heydelberg eine neue Kirch und Schulhaus aus eigenen Mitteln zu erbauen, außer Stand seye, von gutherzigen Gemüthern hierzu eine milde Beisteuer einsammeln zu lassen, und daher so demüthigst gebetten. Wir gnädigst geruhen mögten, zu sothanen Behuf auf Unsere Chur- und Fürstliche sowohl als auswärtige Lande ein offenes Patent zu erteilen; da Wir nun hierauf solch gehorsamstes Ansuchen willfahret, und derselben gegenwärtiges offene Sammlungs-Patent mildest ausfertigen lassen. So ersuchen wir demnach jedermänniglich hiedurch geziemend, denen unserigen aber befehlen Wir, Ernst und gnädigstlich, der oder dem disfalls abordnend und mit diesem Unseren offenen Brief sich legitimierenden in Einsammlung sothaner Collekt keinen Eintrag oder Hinderniß zu thun, sondern vielmehr denenselben all förderlich geneigten Willen und Vorschub zu leisten, welches wir in derlei Fällen gegen jedermänniglich zu erwiedern erbietig die Unsere aber vollenziehen hieran Unsern gnädigsten Befehl und Willen.
Urkundlich Unserer hiervorgedruckten Churfürstlichen
Regierungskanzlei größeren Insigels.
Mannheim, den 2ten May 1770.
Chur-Pfaltz Regierungs-Raths-Präsident.
Vize-Präsident, Vize-Canzler,
geheime und Regierungs-Räthe."
Aufgrund dieses Ausweises wurde nun in der ganzen Pfalz eine Sammlung veranstaltet. Jeder Amtsvorsteher setzte einen Höchstbetrag fest, der vom Einzelnen gegeben werden durfte, meist waren es 10 bis 20 Kreuzer (entspricht etwa einem Tagesverdienst eines einfachen Handwerkers). Als Ergebnis der Sammlung konnten 395 Gulden nachgewiesen werden. Einzelne Nachbarorte wie Großsachsen und Leutershausen, dann der Muckensturmer Hof und Schriesheim steuerten namhafte Beträge bei, in anderen Bezirken, besonders in der linksrheinischen Pfalz war das Ergebnis sehr gering. (2)
Von einer im Jahre 1792 stattgefundenen Sammlung für die Hohensachsener Kirche wird berichtet (5), dass ein jeder Bürger der Reihe nach vier Wochen lang unentgeltlich nur gegen Verrechnung der sparsamsten Auslagen kollektierend im Lande umherreiste. Während dieser Zeit verrichteten die zu Hause gebliebenen seine anfallende Arbeit! So scheint es wenigstens teilweise auch in Lützelsachsen gewesen zu sein: Von einem Lützelsachsener Bürger namens Schneider wird berichtet (2), dass er mit einem Schweizer Hausierer in die Schweiz reiste, um dort für unseren Kirchenbau zu sammeln. Es heißt, er blieb sehr lange aus, brachte aber über 500 Gulden mit nach Hause.
Die reformierte Gemeinde bat auch die Verwaltung der Güter des Klosters Lorsch um Unterstützung, wurde aber abgewiesen. Als jedoch eine Abordnung der Gemeinde bei der Verwaltung in Mainz persönlich vor Ort die Bitte wiederholte und dazu noch einen "feisten Rehbock" überreichte - welchen Johann Peter Bletzer auf seinem Wagen mitgebracht hatte - wurden 100 Gulden für den Kirchenbau überwiesen. (2)
Trotz allen diesen Zuwendungen - wie oben aufgeführt rund 2700 fl. - war die Gemeinde gezwungen Darlehen aufzunehmen. Sie lieh von Herrn Hofmusikus Johann Georg Damm in Mannheim im Jahre 1772 die Summe von 1000 Gulden und 1773 von Herrn Stadtrat Johann Jakob Kuhn in Heidelberg 600 Gulden. Beide Darlehen waren mit 5 % zu verzinsen. (2)
So konnte im Jahre 1772 mit dem Bau der Kirche begonnen werden. Den Bauplan dazu hatte der damalige "Gerichtsverwandte" Johann Peter Bletzer angefertigt. Er schloß auch die Verträge mit den Handwerksmeistern ab, teils allein, teils zusammen mit Johann Georg Schröder. (2)
Die Mauersteine wurden von der reformierten Bürgerschaft selbst in Neckarsteinach gebrochen. Das Holz wurde von einem Neckarfloß in Ladenburg ausgesucht und gekauft. Der Bau ging zügig voran, so dass noch im Jahre 1773 der Rohbau vollendet war, wie die auf der Giebelseite der Kirche eingefügte Jahreszahl zeigt. Eine nachträgliche Aufstellung der Baukosten vom 13. April 1791 ist uns im Original erhalten geblieben. Sie ist sogar von allen damaligen Gemeindemitgliedern unterzeichnet worden(6). Danach hat Peter Bitzel der Kirche den Bauplatz günstiger als ortsüblich verkauft. Dafür brauchte er die 30 fl. nicht zu bezahlen, die damals jeder reformierte Bürger Lützelsachsens zum Kirchenbau gespendet hat.
Die reinen Baukosten für die Kirche betrugen nach dieser Aufstellung 3856 fl. (Punkte 1 - 16). Glocken und eine Orgel wurden erst später angeschafft. Der heutige, neben der Kirche stehende Turm wurde erst über 100 Jahre später gebaut. Bei dem oben aufgeführten Turm handelt es sich um einen kleinen, auf dem Kirchendach sitzenden Dachreiter, den eine Wetterfahne schmückte.
Es wird berichtet (2), dass diese Fahne den jungen Leuten nicht gefiel. So beschlossen sie, einen eigenen Beitrag zum Kirchenbau zu leisten: Der Schlossermeister Koch in Weinheim fertigte auf ihre Kosten ( 4 fl. 10 Kreuzer) einen Hahn und setzte ihn auf den Dachreiter. Die Kirchengemeinde ließ ihn daraufhin für 17 fl. 30 Kreuzer vom Kunstmaler Ammon in Heidelberg vergolden.
In einer etwas früher (10), nämlich ca. 1780 aufgestellten Kostenzusammenstellung über 2467 fl.- die allerdings noch nicht alle Arbeiten enthielt - wurden die Handwerker bzw. Lieferanten sogar namentlich aufgeführt:
· Steinhauermeister Georg Schweisguth von Neckargemünd,
· Daniel Stautz von Lützelsachsen lieferte Kalk, Ziegel und Backensteine,
· Für Bauholz, Bord und Latten zahlte man an
- Friederich Bohnenberger in Pforzheim,
- Herrn Peltzer in Ladenburg,
- Förster Roth in Gorxheim und
- Adam Schmitt von W(üst?)michelbach
· Herrn Rauch in Weinheim und dem Juden Dünchelspiel in Mannheim bezahlte man für Eisen,
· Nagelschmied Wacker in Weinheim für Nägel,
· Maurerarbeiten führten aus
- Georg Michael Gaa aus Assersheim?
- Joseph Weibel aus Lützelsachsen und
- Jacob Rutz aus Weinheim
· Zimmermeister war Rudolph Bärtlein aus Weinheim,
· Schieferdecker war Herr Schmand aus Heidelberg,
· Schreinermeister waren Adam Koch und Ferdinand Dreyklufft aus Lützelsachsen,
· Schmiede- und Schlosserarbeiten führten Georg Stapf und Georg Klohr aus Lützelsachsen aus,
· Schlossermeister Johannes Koch aus Weinheim wurde schon oben erwähnt und
· der Glasermeister hieß Mering und war aus Weinheim.
Am 7. August 1774 war es dann so weit: Die Kirche wurde von Pfarrer Mieg, dem schon oben erwähnten Inspektor aus Weinheim eingeweiht. Die noch vorhandene Originalnotiz (11) berichtet noch von einer Hochzeit des Adam Schneider zwei Tage später, die Pfarrer Spitz aus Hohensachsen in der neuen Kirche abgehalten hat - danach ist vorerst einmal Schluss mit Gottesdiensten in Lützelsachsen!
Hohensachsen hatte das Vorhaben, eine eigene reformierte Kirche in Lützelsachsen zu bauen, nicht gern gesehen und versucht, es zu verhindern (1). Als aber nun der Bau dennoch fertig wurde, zwang die Hohensachsener Gemeinde ihren Pfarrer Spitz, dort in der neuen Kirche zu Lützelsachsen keinen Gottesdienst zu halten. So hatte man in Lützelsachsen eine eigene Kirche, aber keinen Pfarrer dazu! Der reformierte Kirchenrat in Heidelberg befahl, drohte und strafte Pfarrer Spitz - letztmalig sogar um 20 Reichstaler - bis sich endlich nach 1 1/2 Jahren pfarrerloser Zeit der Brauch einbürgerte, dass abwechselnd an einem Sonntag in Hohensachsen und am folgenden Sonntag in Lützelsachsen Gottesdienst stattfand. In den kirchlichen Akten (11) finden wir die Notiz: Am Sonntag, dem 19. Februar 1776 hat Herr Pfarrer Spitz "die Erste Bredig in der Kirch gethan".
Die Fronten hatten sich soweit geklärt, dass die Lützelsachsener am 30. November 1776 an die Geistliche Administration schreiben konnten (12):
"Nachdem die ansehnliche und zahlreiche hießige reformierte Gemeinde sehr lange nach einer eigenen Kirche, und der herrlichen Wohlthat des öffentlichen Gottesdienstes in dem Orte selbst vergeblich geseufzet hat; so haben wir uns endlich, ...., zu einem neuen, lediglich nach dem Bedürfniß der Gemeinde eingerichteten, Kirchenbau entschlossen, und denselbigen bereits seit einigen Jahren mit der Hülfe Gottes so zu Ende gebracht, daß wir nun ruhig und ungestört unseren Gottesdienst darin halten können, .....
Der Brief endet mit der Klage über die drückende Schuldenlast und der Bitte, doch eine merkliche Unterstützung zur Tilgung zu gewähren. Obwohl sich die reformierte Gemeinde abmühte, ihre Schulden zu verringern, scheint die Last immer drückender geworden zu sein. Man kam zu der Einsicht, dass man sich mit dem Kirchenbau doch etwas übernommen hatte bzw. die finanzielle Unterstützung von der Kirchenleitung nicht so leicht wie gedacht zu bekommen war. Johann Georg Schröder gar sah als Mitschuldigen Herrn Kirchenrat Müller aus Schwetzingen (dieser war in der Schlossgasse von Lützelsachsen ebenfalls begütert) an, der den Bau der Kirche als eine sehr leichte Sache hingestellt hatte und dadurch die reformierte Gemeinde in große Schulden gesteckt habe (2). Am 12. Februar 1779 entschloss sich die Gemeinde, an den Durchlauchtigsten Kurfürsten selbst ein Gesuch zu stellen (13).
Serenissimo ac Potentissimo / Domino Electori ad Manus / Clementissimas / Unterthänigstes Gesuch / abseiten / der ev. reformirten Gemeinde zu Lützelsachsen / Um der ref. Geistl. Administration, aus höchster Machtvollkommenheit die Wiedererstattung des auf den Kirchenbau zu Lützelsachsen verwendeten gnädigst aufzugeben ex caussis est intus
Durchlauchtigster Kurfürst, Gnädigster Kurfürst und Herr!
Vor Euer Kurfürstliche Durchlaucht erhabenem Throne, legt sich die arme reformierte Gemeinde zu Lützel-Sachsen unterthänigst nieder, um an dieser geheiligten Stätte Zuflucht in ihren äusserst bedrängten Umständen zu finden. Schon lang hatte diese zahlreiche Gemeinde nach der unschätzbaren Wohlthat des öffentlichen Gottesdienstes in ihrem Orte geseufzet - als Euer Churfürstliche Durchlaucht nachgesetzte Hohe Landes Regierung ihr die vorher noch ungetheilte Kirchen-Rudera anwieß, und sie dadurch ein gleiches Recht mit denen in die bekannte Kirchentheilung gekommenen Kirchen erhielt. Von der ersten Freude über diese hohe Wohlthat eingenommen und in der süßen Hoffnung reiche beysteuern zu erhalten ließ die Gemeinde ungesäumt eine neue Kirche bauen, sie fand sich aber in ihrer Hoffnung betrogen und war demnach durch diesen neuen Kirchenbau in einen Schuldenlast gesteckt worden, der sich beynahe auf 3000 fl. beläuft. Inzwischen werden wir von der großen Schuldenlast wozu wir die Zinsen kaum aufbringen können, fast zu Boden gedrückt, und können uns um da weniger mit gedachter Geistlicher Administration in einen förmlichen Rechtsstreit einlassen, als dieses langwierige, kostbare und nicht allezeit sichere Mittel die schon erschöpfte Gemeinde zum gänzlichen Ruin bringen würde.
Zu Euer Kurfürstlichen Durchlaucht Höchst angestammten Huld und weit gepriesenen Gerechtigkeitsliebe ergehet demnach unsere unterthänigste Bitte, höchst dieselbige gnädigst geruhen wollen, aus höchster Machtvollkommenheit, unsere Kirche für eine solche zu erklären, die reformatis in der Kirchentheilung zugefallen und deßhalben von reformirter Geistlicher Administration als deren Gefälle ohne dem zu diesem behuf vorzüglich gestiftet sind, erbaut werden muß. Wenn wir auch nur in mehreren Jahren und theilweise das auf unsern Kirchenbau verwendete wieder erstattet bekommen, so wird dadurch eine gantze Gemeinde und also viele treue Unterthanen von Euer Kurfürstlichen Durchlaucht vom Verderben gerettet.
Wir getrösten uns in tiefster Ehrerbietung einer gnädigsten Erhörung und ersterben
Euer Kurfürstlichen Durchlaucht unterthänigst treu gehorsamste
Lützelsachsen den 12. Feb. 1779
Adam Schneider Anwalt, Peter Strad des Gerichts, Peter Pfliegensdörfer Vorsteher, Johannes Reinhardt als Vorsteher,Johann Georg Schröder als Vorsteher, J. Jacob Müller als Vorsteher
Die Lützelsachsener reformierte Kirchengemeinde kämpfte um die Anerkennung ihrer vor der Kirchenteilung 1705 besessenen Güter und Rechte. Sie erhoffte sich, daß die Kirchenleitung die Baukosten der Kirche ganz oder wenigstens teilweise übernehmen würde. Der geführte Prozeß zog sich über Jahre hin. Ein Schreiben (14) des Kurpfälzischen Hofgerichtes in Mannheim vom 27. November 1783 wies das Lützelsachsener Ansinnen zurück, "die Gemeinde wird platterdings ab- und zur Ruhe verwiesen". Dennoch ließ sich die Gemeinde nicht entmutigen und versuchte es erneut. In einem Brief (15) vom 24. März 1785 sollte dem Antrag durch möglichst viele Unterschriften der Gemeindemitglieder Nachdruck verliehen werden: "Alles was Hände hat, soll unterschreiben. Je mehr Unterschriften, je notwendiger wird der Kirchenbau gemacht ........bis der Prozeß glücklich - woran gar nicht mehr gezweifelt wird - beendet werden kann."
1784 lieh sich die Gemeinde von Peter Heilmann in Ladenburg 300 fl. zur Bestreitung der Baukosten, 1792 weitere 1500 fl. von ihm. Im gleichen Jahr wurde auch noch einmal eine Sammlung in der reformierten Gemeinde selbst durchgeführt, die 333 fl. 20 Krz. Erbrachte. (2) Wie die oben aufgeführte Baukostenaufstellung aus dem Jahre 1791 zeigt, hatte sich die ursprüngliche Bausumme von 3856 fl. (Punkte 1 - 16) durch die Zinsen für die Darlehen und die Prozeßkosten (Punkte 17 - 21) bis dahin fast verdoppelt.
Doch es nützte alles nichts. Am 26. Mai 1791 wurde in Lützelsachsen zwischen der Hohen Geistlichen Administration in Gestalt des Herrn Bettinger und der gesamten Lützelsachsener reformierten Gemeinde folgender Beschluss gefasst (16):
"Kund und zu wissen seie hiermit: demnach bereits vor geraumen Jahren ein Rechts-Streit zwischen der reformirten Gemeinde zu Lützelsachsen an einem, und der Churpfälzischen reformierten geistlichen Administration am andern Theil über die Bauschuldigkeit dortiger Kirche in puncto condictionis ex negotis gesto entstanden, welcher aber nach hinc et inde verhandelten Schriftsätzen durch Churfürstliches Hochgeistliches Hofgericht unterm 27ten Novembris 1783 dahin entschieden worden ist, daß die klagende Gemeinde mit ihrer Anforderung in pto restitutionis expensarum, welche sie auf den Kirchenbau aus ihren Mitteln verwendet hat, ab - und zur Ruhe verwiesen worden ist, gegen welches Urteil dieselbe zwar die Appellation ergriffen, hingegen neue standhafte Gründe, aus welchen etwa die der geistlichen Administration obliegende Bauschuldigkeit gefolgert werden könnte, aufzustellen nicht vermocht, daher in dieser Rücksicht ersprießlicher erachtet hat, sich an den Churpfälzischen Kirchen Rath zu wenden, und dessen Intercession zu imploriren, welcher dann auch unterm 8ten November 1790 mittelst communicati bei reformierter geistlicher Administration dahin sich verwendet hat, daß man, in Rücksicht, weil die Gemeinde ohne ihr Verschulden durch üble Rathgeber zu dem Prozeß und in die beträchtliche Kostenverwendung induciret worden, und gleichwohl ad pios usus ein so beträchtliches verwendet habe, sie zu unterstützen belieben möge.
Gleichwie man nun bei Churpfälzischer Administration sich hinzu geneigt finden lassen, und daher eine eigene Commission angeordnet hat, um die wirklichen Bauverwendungen urkundlich sich vorlegen zu lassen, wobey sich dann ergeben hat, daß die Gemeinde Lützelsachsen an aufgenommenen Capitalien, und ex propriis verwendeten Geldern die Summe von 3856 fl. liquidirt, an Zinsen und anderen Kosten aber 3393 fl. in summa also 7249 fl. verausgabt hat, so ist folgender geistlicher Vergleich zwischen beiden streitenden Theilen, und zwar ex porte administrationis ecclesiastica, durch den hinzu specialiter comittirten Herrn Administrations Rath und fiscalen Bettinger auf einer, und der ganzen reformirten Gemeinde Lützelsachsen auf der andern Seite, verabredet und geschlossen worden:
1mo) erkennet die reformierte Gemeinde zu Lützelsachsen sich und ihre Nachkommen schuldig und verbunden, ihre erbaute Kirche, Thurm, Glocken, Inngebäude und was nur zum äusseren und inneren eines Kirchengebäudes gehören mag, so oft es von nöthen, neu zu stellen, und im Bau zu unterhalten, sie entsaget daher
2do) dem in supremo appellatoris annoch unentschieden liegenden Rechtsstreit auf das feierlichste, und erkennet die vom Churfürstlichen Hochgeistlichen Hofgericht gefällte Urteil als die norm der izigen und künftigen Entscheidungen, mit Entsagung aller und jeder Rechts Wohlthaten, die ihr zustatten kommen könnten oder mögten; als der Wiedereinsetzung in den vorigen Stand, neu gefundener brieflicher Urkunden, Verletzung über die Hälfte, listiger Überredung und wie solche Namen haben, oder erdacht werden möchten; auch übernimmt die Gemeinde
3tis) die etwa zu ihrem Kirchenbau aufgenommenen und annoch schuldigen Capitalien ohne Zuthun der Geistlichen Administration zu zahlen, das, was sie auch bereits aus ihren Mittel zahlt hat, ein von der geistlichen Administration zu repetiren, dagegen verspricht
4to) die Churpfälzisch reformierte geistliche Administration gegen obige Bedingungen der reformierten Gemeinde in Lützelsachsen die Summe von fünfzehn hundert Gulden dergestalten als ein quantum a versionale und als einen Beitrag zu jenen ad pios usus geschehenen Verwendungen abzugeben, daß
5to) die Gemeinde Lützelsachsen vordersamt schuldig und verbunden sein solle, dem Rechtsstreit ....zu entsagen,"
In vier weiteren Punkten wird die Übergabe der zugesagten 1500fl. Beschrieben und darauf hingewiesen, dass dieser Vergleich von der ganzen Gemeinde aus freiem Willen und ohne Zwang abgeschlossen worden ist. Der Brief wird von allen Anwesenden und von den Gemeindegliedern unterzeichnet:
So geschehen Lützelsachsen den 26ten May 1791
Kraft besondern Auftrag Joh. Adam Schneider der alt
von Hochlöblicher Geistlicher Joh. Peter Bletzer als Vorsteher
Administration Joh. Henrich Schneider als Vorsteher
C.L. Bettinger
Johann Ludwig Müller, Jacob Müller, Georg Schröder der alt, Johan Görg Stapf, Jacob Gaber, Michael Rödel, Philipp Reybolt, Henrich Güllich, Georg Hüldmann, Jacob Hörth, Adam Jost, Georg Merkel, Georg Schneider, Peter Lebkuchen der alt, Henrich Bletzer, Jacob Römer, Peter Pfliegensdörffer,
Jacob Stengerer, Görg Brehm, Georg Friederich Krebs d. jung, Jacob Klumb, Friederich Krebs der alt, Adam Reinhardt, Jacob Sonn, Georg Klohr, Nicolaus Pfrang, Jacob Platt, Georg Adam Kesselring, Johannes Haider, Peter Schollenberger, Philipp Bitzel, Wilhelm Müller, Henrich Bitzel, Johannes Bletzer, Peter Römer, Peter Lebkuch, Johannes Boßert, Carl Ludwig Paul, Philipp Jacob Stöhr, Johann Martin Röthel, Wilhelm Römer, Georg Krebs,
Peter See, Joh. Adam Schneider, Georg Peter Riedinger, Joh. Jacob Schröder, Georg Nicolaus Brehm, Peetter Müller, Henrich Schrötter, Johannes Keßelring, Peter Hörth, Joh. Peter Heß, Johann Georg Schröder d. jung, Johannes Rödel der Junge, Johannes Müller, Cunrath Krämer, Johannes Reinhard, Johann Peter Bitzel, Joh. Michael Stöhr, Johannes Nickel der alt, Peter Fritz, Peter Reibolt, Johannes Deller, Wolfgang Krüser, Jacob Rubel, Philipp Peter Stapf, Georg Melter ?, Hannes Keppelmann, Hinrich Klein, Wolf.. Krieser der jung, Adam Sauer
In dem Vertrag wurde also endgültig festgehalten, daß die reformierte Kirchengemeinde von Lützelsachsen ihre Kirche und was dazu gehörte selbst zu bauen und alle weiteren Unterhaltskosten ebenfalls selbst zu tragen hatte. Sie verzichtete auf weitere rechtliche Schritte und zahlte die Darlehen aus eigenen Mitteln zurück. Dafür erhielt sie von der Kurpfälzisch Geistlichen Administration einmalig 1500 fl.
In einem (16) beiliegenden Schreiben des Hochfreiherrlichen von Hundheimischen Amtes vom gleichen Tag, dem 26. Mai 1792, wird uns berichtet, dass das Amt "einen milden Beytrag" von 150 fl. für eine Kirchenglocke spendete. Die Glocke wurde von Firma Speck in Heidelberg 1794 gegossen. (17) Es scheint bereits die zweite Glocke gewesen zu sein, denn Fitzer (2) erwähnt in einer Übersicht, dass im Jahre 1783 bereits eine Glocke vorhanden war. Außerdem wird beim 100-jährigen Jubiläum im Jahre 1874 festgestellt, dass eine neue Glocke angeschafft werden soll, da "das bisherige Geläute in nur 2 verhältnismäßig kleinen Glocken bestehend, von dünnem und schrillem Tone" ist. (18)
Es wird weiterhin berichtet (17), daß die Kanzel und die Orgelempore aus der Erbauungszeit stammt. Die erste Orgel wurde 1802 angeschafft. (2) Sie wurde vom Kloster der schwarzen Nonnen in Heidelberg ersteigert. Für das Abbrechen, Reparieren und Aufstellen erhielt der Orgelbauer Anton Ostermann aus Heidelberg 90 fl. und die Kost für sich und seine Leute während des Hierseins in Lützelsachsen.
Pfarrer Philipp berichtet uns (1 und 5), dass im Jahre 1792 der Streit um die Lützelsachsener bzw. Hohensachsener Kirche erneut aufflammte, jetzt jedoch mit anderen Vorzeichen: Die 1730 mit wenig Mitteln gebaute Hohensachsener Kirche wurde baufällig und sollte erneuert werden. Eifrig wurden in Hohensachsen und in der ganzen Kurpfalz Spenden gesammelt. Das alte Gebäude wurde abgerissen, die Arbeiten vergeben, die Verträge mit den Handwerkern standen vor dem Abschluss, der Maurermeister war mit 5 Gesellen und 2 Handlangern schon zur Stelle - da kam ein Einspruch von gänzlich unerwarteter Seite, von Lützelsachsen, unterschrieben von Johann Peter Bletzer und Johann Heinrich Schneidter. Die Eingabe erfolgte nicht nur an den kurpfälzischen Kirchenrat, sondern auch an das Oberamt und an den Kurfürsten selbst. Der Kirchenbau in Hohensachsen solle untersagt werden aus folgenden Gründen:
1. Würde dieser Kirchenbau ausgeführt, so ständen zwei reformierte Kirchen auf Hohensachsener Gemarkung.
2. Die Kirche in Lützelsachsen sei groß genug für beide Gemeinden, und die Entfernung dahin sei für Hohensachsen nicht weiter als für Lützelsachsen.
3. Lützelsachsen habe eine Seelenzahl von 417, Hohensachsen nur 206, sei also mehr als doppelt so groß und doppelt so reich, daraus folge, dass Lützelsachsen eigentlich die Muttergemeinde sei.
4. Sie geben zu, dass vor Zeiten Hohensachsen der gegebene Kirchenort gewesen sei, und hätten selbst damals die Hohensachsener Kirche helfen bauen, aber inzwischen sei Großsachsen und Heiligkreuz von der Pfarrei abgetrennt worden, auch Lützelsachsen habe sich abgetrennt.
Also beantragt Lützelsachsen,
1. den Kirchenbau in Hohensachsen sofort zu untersagen, bei Androhung einer großen Geldstrafe,
2. das Kollektenpatent sofort einzuziehen,
3. schon eingegangene Kollektengelder an Lützelsachsen abzuliefern als Entschädigung dafür, dass das früher gemeinschaftliche Almosen von Hohensachsen an sich gezogen worden sei.
4. Hohensachsen zu zwingen, künftig in Lützelsachsen in die Kirche zu gehen und an der Unterhaltungspflicht der Kirche in Lützelsachsen sich zu beteiligen.
Am 22. Mai 1792 scheint dem Antrag zunächst stattgegeben worden zu sein, doch bereits am 2. Juni 1792 wurde die Fortsetzung des Kirchenbaues in Hohensachsen wieder zugelassen, am 8. Juni 1792 sogar vom Kurfürsten selbst. (5)
Die Rivalitäten zwischen Hohensachsen und Lützelsachsen waren damit aber noch nicht beendet. (1) Im Protokollbuch des Jahres 1817 ist zu lesen, dass die Feier am 31.10. anlässlich der 300-jährigen Wiederkehr des Thesenanschlages durch Martin Luther diesmal in Hohensachsen abzuhalten sei, "wenn aber das Jubiläum 1917 wieder gefeiert wird, die erste Predigt und das erste Heilige Abendmahl in Lützelsachsen gehalten werden soll".
Im Jahre 1818 richtete die reformierte Gemeinde Lützelsachsens ein Gesuch an den evangelischen Oberkirchenrat in Karlsruhe um Bewilligung eines eigenen Pfarrers. (2) Dieses Gesuch wurde jedoch nicht erfüllt. Im gleichen Jahr schlägt ein Erlass des Ministerium des Inneren vor, die Hohensachsener Kirche zu verkaufen, den Erlös für ein Pfarrhaus zu verwenden und die Kirche in Lützelsachsen fortan gemeinsam zu benützen!
Etwas schärfer lautet es 1821: Vorlage eines Dekanatserlasses, dass die evangelische Kirchensektion willens sei, Hohensachsen als Filiale nach Großsachsen zu legen und Lützelsachsen zu einer eigenen Pfarrei zu machen. Zumal man ja in Lützelsachsen kein neues Pfarrhaus zu bauen brauche. (1) Durch den Zusammenschluss - die Unierung - von lutherischer und reformierter Kirche könnte man das frühere lutherische Kirchengebäude in Lützelsachsen leicht als geräumiges Pfarrhaus verwenden. Doch darüber mehr im nächsten Kapitel.
Hanshelmut Käppel