Eine kleine deutsch - deutsche Dorfgeschichte

April 1989. Nach einem Besuch von Else Riemer (+) aus Lützelsachsen wird vom Bezirkkirchenrat in Prenzlau, Schönfeld als mögliche Partnergemeinde vorgeschlagen. Dort ist der Vikar Thomas Dietz damit beschäftigt, Sträucher, die sich im 11 Jahre leerstehenden Pfarrhaus breit gemacht haben, zu "roden" um es bewohnbar zu machen.
Die Menschen in Schönfeld waren zu dieser Zeit in der "Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (Abteilung Tierproduktion) Baumgarten" beschäftigt. Ca. 200 Kühe, 4300 Schweine und 400 Schafe wurden betreut. Die Ackerflächen von Schönfeld hat die " LPG Kleptow Abteilung Feldwirtschaft", bewirtschaftet.
Bis 1945 war Schönfeld mit rd. 1000 ha landwirtschaftlicher Nutzfläche einer der größten Gutsbetriebe im Kreis Prenzlau. Vom Ende des 14. Jahrhunderts, über 17 Generationen hinweg bis 1945, hat die Familie von Berg das Gut bewirtschaftet.
Nach der Enteignung wurde der Betrieb im Zuge der Bodenreform unter mehr als 100 Neusiedler, davon auch viele Flüchtlinge und Nichtlandwirte, aufgeteilt. Die Siedler erhielten durchschnittlich 8 ha Land. Handwerker, wie Schmiede oder Schreiner, bekamen 3 ha. Darüber hinaus gab es je Siedler noch 1 Tier, wie z. B. eine Kuh, einen Ochsen oder ein Schwein. Die Siedler hatten teilweise nur geringe landwirtschaftliche Kenntnisse. Sie haben unter unsäglichen Mühen ihr Land bewirtschaftet und teilweise neben den Gutsgebäuden auch Siedlungsgebäude mit Ställen errichtet. Es gab weder genügend Baumaterial noch landwirtschaftliche Maschinen, die für die kleinen Flächen geeignet waren.
Bis Ende der 50er Jahre konnten die Neusiedler die größte Not lindern. Man hoffte, dass sich die wirtschaftliche Lage allmählich bessert. Dann hat die SED 1960 die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft angeordnet. Die Neusiedler mussten sich zur "Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft Frohe Zukunft, Schönfeld" zusammenschließen. Nach diesem staatlichen Eingriff, der Vergesellschaftung der Produktionsmittel, ging es zunächst wieder bergab mit der landwirtschaftlichen Produktion. Erst ab 1965 sind die Erträge und Leistungen langsam wieder gestiegen.
Immer wieder hat die SED in den folgenden Jahren die Agrarpolitik geändert. Es war das Ziel, die Landwirtschaft zu industrialisieren und die Landwirte den Werktätigen in der Industrie gleichzustellen.
Mit der Einführung von überörtlichen, auf einzelne Arbeits- und Produktionsabläufe spezialisierten Brigaden, sollte dieses Ziel in den späten 80er Jahren endlich erreicht werden. Die Neustrukturierung hat allerdings nicht den erhofften Erfolg gebracht. So waren z. B. die Produktionseinheiten zu groß (z. B. LPG Kleptow- Feldwirtschaft 8000 ha), die Transportwege zu weit und die Verantwortung der Einzelnen für den Gesamterfolg nicht immer gegeben.
Dies war die Situation, als die ersten offiziellen Besucher aus Lützelsachsen am 1. Oktober 1989 zur Ordination von Pfarrer Dietz in Schönfeld zu Gast waren.
1990 haben die Mitglieder der Produktionsgenossenschaft Schönfeld beschlossen, ihr lebendes und totes Inventar, das sie im Zusammenhang mit der letzten Reform der Agrarpolitik an die LPG Kleptow- Feldwirtschaft abgeben mussten, zurückzuholen.
Bis 1992 wirtschaftete die Schönfelder Genossenschaft noch auf eigene Rechnung. Dann vereinbarten die Mitglieder, das lebende und tote Inventar, sowie die von der Genossenschaft errichteten Gebäude zu verkaufen, die Genossenschaft aufzulösen und ihr Siedlungsland, soweit das im Grundbuch eingetragen war, zu verpachten. Sie glaubten, dass sie nicht genügend Kapital und Manpower aufbringen würden, um moderne Maschinen kaufen und den Betrieb in Eigenregie bewirtschaften zu können.
Schönfeld wird seit 1993 von einem Pächter aus den westlichen Bundesländern viehlos bewirtschaftet. Zum Einsatz kommen modernste Maschinen. Anstelle der ca. 80 Arbeitskräfte die bis 1992 in der Genossenschaft Schönfeld beschäftigt waren, sind heute lediglich noch 4 Arbeitkräfte tätig.
Viele Schönfelder wurden arbeitslos, gingen wenn möglich in den Vorruhestand, fanden als Arbeiter bei ABM- Maßnahmen der Kirche oder der Gemeinde Beschäftigung oder suchten Arbeit in der Umgebung, aber auch in den westlichen Bundesländern.
In dieser Zeit des Umbruchs von 1989 bis 1994 gab es bereits 15 Begegnungen. Die Schönfelder waren 7 Mal in Lützelsachen und die Lützelsachsener 8 Mal in Schönfeld. An diesen Besuchen beteiligten sich der Posaunenchor, die Pfadfinder, die Kirchenchöre und vor allem die Frauen. Diese organisieren seit 1991, im jährlichen Wechsel, gemeinsame Freizeiten. Die Treffen stehen stets unter einem speziellen Thema , wie z. B. "Begegnung", "Das Buch Ruth", "Nehmet einander an", "Hände", "Die Türen öffnen sich langsam" usw.
.Eine Gruppe von Männern aus Lützelsachen, vorwiegend aus dem "Männergesprächskreis", und Männer aus Schönfeld besuchen sich seit 1994 im zweijährigen Rhythmus. Unter anderem gab es folgende Themen: "Brücken bauen" bei gemeinsamen Treffen in Straßburg/ Elsaß und in Külz/ Polen. Oder :"Werte, die uns wichtig sind", darüber haben wir gemeinsam in Barth an der Ostsee diskutiert.
Der Pfarrsprengel Schönfeld wuchs stetig. Heute umfasst er mehr als 10 Gemeinden.
Durch Behutsamkeit, Verständnis, Rücksichtnahme und Neugierde bei den Besuchen, hat sich eine Partnerschaft entwickelt, die man zu Beginn nicht für möglich gehalten hätte. Jeder hat vom Anderen gelernt. Für manche aus Lützelsachsen ist die Uckermark, dieses dünn besiedelte, ländliche Gebiet in der nordöstlichsten Ecke von Deutschland, kein weißer Fleck mehr. Es gibt dort Freunde und Bekannte, die eine völlig andere Biografie haben und die in einer ganz anderen Umwelt leben als wir. Die sich am Leben und an ihrem Tun erfreuen, die Erfolg und Schwierigkeiten, Sorgen und Nöte haben, wie wir sie auch kennen, auch wenn dafür gelegentlich andere Ursachen verantwortlich sind.
Wir haben erlebt, wie durch Fleiß und Tüchtigkeit Häuser erneuert und gebaut, wie Handwerksbetriebe gegründet und Arbeit vor Ort geschaffen wurden. Wir haben gesehen, wie uralte romanische, vom Zerfall bedrohte Feldsteinkirchen renoviert und mit angelernten Hilfskräften aus den Dörfern ausgemalt wurden. Wie der Schönfelder Pfarrsprengel sich um die Jugendarbeit kümmert durch Freizeiten, Musik und ein Jugendhaus, und wie auch die Alten durch regelmäßige Treffen nicht vernachlässigt werden. Zur Sicherung einer halben Seelsorgerstelle in einer zukünftig vielleicht finanziell noch schwierigeren Lage der Kirche, hat der Pfarrsprengel Schönfeld bereits im Juni 2006 eine Stiftung errichtet.
Wir haben aber auch die vielen Arbeitslosen gesehen, die es seit 20 Jahren gibt. Die Hoffnung auf eine Lösung der Arbeitsplatzproblematik durch den "Berliner Speckgürtel" und das sich in die Uckermark vortastende, polnische Stettin, hat sich bisher nicht erfüllt. Wir haben erfahren, dass die Bevölkerung stetig abnimmt und weiter veraltet, und dass dadurch die Probleme der Kommunen und der Kirche noch größer werden. Wir haben eine Landwirtschaft kennen gelernt, die auch im Weltmaßstab konkurrenzfähig ist.
Aber auch die Uckermärker haben einen guten Einblick darüber bekommen, wie es sich in einem hochindustrialisierten Ballungsgebiet lebt. Sie haben gesehen, dass manches, was wünschenswert erscheint, u. U. teuer erkauft werden muss.
Dieses Jahr begehen wir nun die 20 jährige Partnerschaft. Schönfeld - Lützelsachsen und die 9. Männerbegegnung. Über 40 Männer aus beiden Gemeinden haben sich am 6. 11. in Lützelsachsen getroffen und wurden von Pfarrer Friedrich im Gemeindehaus begrüßt und herzlich willkommen geheißen. Dort gab es anhand von Bildern und Erlebnisberichten einen Rückblick auf 20 Jahre Partnerschaft. Es wurde uns wieder bewusst, wie unglaublich viel Aufbauarbeit in den letzten Jahren von den Menschen im Pfarrsprengel Schönfeld geleistet worden ist und wie viel Veränderungen sie ausgesetzt waren. Die Bilder zeigten aber auch, wie intensiv die Partnerschaft in dieser Zeit gelebt worden ist.
Samstags standen eine Rundfahrt durch das Werksgelände der BASF in Ludwigshafen, sowie Erläuterungen im Besucherzentrum auf dem Programm. Es gab intensive Diskussionen über den Nutzen und die Gefahren der Gentechnik, sowie der modernen Pflanzenschutzmittel. Auch die Verdienste der Arbeiter und Angestellten, die Struktur des Aktienbesitzes und die Mitarbeiterbeteiligung, fanden großes Interesse. Es war gut, dass in unserer Gruppe einige ehemalige BASF -ler waren, die mit viel Sachkenntnis, Fragen beantworten konnten. Uns hat die Sauberkeit im Werksgelände und die "gute Luft" überrascht, bis wir erfahren haben, wie viele Prozesse im Verbund ablaufen, ohne dass Stoffe in die Umwelt entweichen können.
Nachmittags haben wir unter einer fachkundigen Führung Ladenburg besichtigt. Die privilegierte Lage auf einem Schutthügel des Neckars, in der früher vielfach versumpften Rheinebene, hat dazu geführt, dass Ladenburg schon sehr früh besiedelt worden ist. Die Ausgrabungen an der römischen Basilika und das rekonstruierte Prunktor waren besonders interessant. Die Auseinandersetzungen zwischen Bürgern und Kirche, sowie zwischen den Kurfürsten in Heidelberg und den Bischöfen in Worms/Mainz haben über viele Jahrhunderte auch das Wohl und Wehe der Ladenburger bestimmt.
Den Abend verbrachten die Gäste in den Gastfamilien.
Am Sonntagmorgen hielt Pfarrer Thomas Dietz aus Schönfeld die Festpredigt. Sein Predigttext im Zusammenhang mit der 20 jährigen Partnerschaft lautete: "Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich". Er erinnerte an den 30. September 1989. Frau Riemer(+), die Delegierte aus Lützelsachsen, hat Schönfeld eine Partnerschaft, die mehr sein sollte als eine Patenschaft, angeboten. Er sagte damals, "Ja, wir versuchen es. Wir versuchen, was sich trotz Mauer, Stacheldraht und Horch- und Guckbespitzelung machen lässt". Beide Partner waren sich dieser schmerzlichen Grenzen und Hindernisse bewusst. Pfarrer Dietz weiter: "Am Tag darauf war (sein) Ordinationsgottesdienst in der notgesicherten Kirche .Die nachfolgende, friedliche Revolution ohne Tote. Ein Wunder. Kerzen siegten über Panzer. Eine erstmalig öffentlich präsentierte Partnerschaft mit einer badischen Gemeinde. Zur selben Stunde fahren Züge mit 5000 Flüchtlingen aus der Prager Botschaft der BRD durch den Süden der DDR. Unglaubliche Veränderungen und die Uckermärker mitten drin. Eine deutsch- deutsche Dorfgeschichte von der großen Gnade!
Über 70 offizielle Begegnungen gab es in den letzten 20 Jahren. Daneben ungezählte Briefe, Telefonate, Pakete, Besuche und vertraute Gespräche, auch zu heiklen Themen. Eine Geschichte von großer Gnade. Und das Beste : Sie ist wirklich passiert."
Wunder fallen, so Dietz, " nicht vom Himmel. Sie haben Vorgeschichte. Für ihn beginnt das Wunder am 17. Juni 1953. Aber auch die vielen unzähligen, meist gar nicht bekannten , kleinen Vorgeschichten gehören dazu. Jugendliche, die trotz schulischer Drangsal Konfirmation oder Kommunion der Jugendweihe vorzogen, obwohl sie wussten, dass es sie den Zugang zum gewünschten Beruf oder zum Abitur kostete. Erwachsene haben die Kontakte zu ihrer Westverwandtschaft öffentlich bekannt und gepflegt, obwohl sie in ihrem Fortkommen behindert wurden und bis heute weniger Rente bekommen als mancher ihrer ehemaligen Peiniger. Zu den kleinen Wundern gehören auch die vielen Pakete und die Besuche von Westdeutschen in Ostdeutschland. Und das Wunder setzt sich fort in der nun 20 Jahre währenden, lebendigen Partnerschaft" .
Posaunenchor , Kirchenchor und Orgel haben den Gottesdienst in der vollbesetzten Kirche, festlich umrahmt.
Der Vorsitzende des Gesamtkirchenrates vom Pfarrsprengel Schönfeld, Herr Brennenstuhl, bedankte sich für die Gastfreundschaft , die interessanten Tage in Lützelsachsen, sowie die vielfältigen Hilfen in den letzten Jahren. Er überreichte Herrn Ridderskamp, der am 1. Oktober 1989 als offizieller Vertreter der Lützelsachsener Gemeinde mit Else Riemer in Schönfeld war, einen Leuchter mit eingravierter Jahreslosung, für unsere Gemeinde. Er zitierte Jörg Zink: "Nicht auf Pläne und Vorhaben, nicht auf Träume und Wunschbilder kommt es an, sondern auf den schrittweisen Weg auf dieser Erde." Er wünschte, dass dieses so vielfältige Miteinander in unserer Partnerschaft, "schrittweise" weiter wächst. Anregungen und Ideen gibt es, so Brennenstuhl, auf beiden Seiten genügend.
Pfarrer Dietz schloss sich diesem Dank an. Er erwähnte die Blasinstrumente, die eine Dauerleihgabe des Posaunenchors sind, die vielfältigen Zuwendungen aus Lützelsachsen, mit denen u. a. die Jugendarbeit gefördert und ein Kleinbus mitfinanziert werden konnten, der für die Gemeindearbeit im Pfarrsprengel unerlässlich ist. Er dankte aber auch allen Helferinnen und Helfern, die bei Vorbereitung und Durchführung dieses Jubiläums- Wochenendes mitgeholfen und mit Speis und Trank im herbstlich geschmückten Gemeindesaal zum Gelingen beigetragen haben. Stellvertretend für Alle bedankte er sich ganz besonders beim Organisator des Treffens, Herrn Dr. Ottmar Schott.
Die beiden früheren Pfarrer, Hans-Michael Uhl und Wolfgang Böhmig, die in ihrer Amtszeit die Partnerschaft mit initiiert und tatkräftig förderten, haben ebenfalls am Festgottesdienst teilgenommen.
Es waren schöne, interessante und teilweise auch bewegende Stunden und Tage. Das Treffen hat wieder zu neuen Sichtweisen und mehr Verständnis füreinander geführt. Wir haben erfahren: "Nicht Träume und Wunschbilder sind entscheidend, sondern der schrittweise Weg auf dieser Erde".
 
Weinheim, 9. November 2009, H. Irion