Renovierung der Kirche von Grund auf, 1996 - 1999

 
Mit der Entscheidung zum Bau eines Gemeindezentrums in den achtziger Jahren war es notwendig geworden, die auch sehr wünschenswerte Erneuerung des Kirchengebäudes für zehn Jahre zurückzustellen. Nachdem bereits Anfang der neunziger Jahre gewisse Vorbereitungen erfolgt waren, wuchs Mitte der neunziger Jahre das Bedürfnis, dem Gemeindeleben auch einen angemessenen sakralen Mittelpunkt zurückzugeben.
 
Planung
 
Es waren bauliche Mängel, die völlig unzulängliche Heizung, die Enge im Altarraum, der sogenannte Tunneleffekt durch die Hauptempore und auch Stil- und Geschmacksfragen, die nach einer gründlichen Überarbeitung verlangten. Schon bald war klar, dass es sich um ein auch finanziell äußerst anspruchsvolles Vorhaben handeln würde. Dennoch erhielt die Gemeinde im Juni 1994 von der Kirchenleitung die grundsätzliche Zustimmung und ein Mitfinanzierungsversprechen, wobei das Vorhaben in vier Bauabschnitte eingeteilt wurde, die dann jeweils der gesonderten Beantragung und Genehmigung bedurften. Trotz des großen Verständnisses bei und der hervorragenden Zusammenarbeit mit der Kirchenleitung erforderte dies manche Reise nach Karlsruhe und viele bange Wartemonate.
 
Schon bei der Begründung des Gesamtprojektes, aber auch bei der Planung und Genehmigung der Teilabschnitte, haben wir immer wieder auf die Notwendigkeit und Möglichkeit anderer als der gewohnten Gottesdienstformen und musikalischen Veranstaltungen hingewiesen. Das gesamte Vorhaben sollte auch als Zeichen dafür gewertet werden, dass die Kirche auch in Lützelsachsen sich nicht auf dem Rückzug befindet, sondern zusätzlich zur traditionellen Rolle neues Interesse wecken kann.
 
Diese Überlegungen waren Grundlage bei den ungezählten Besprechungen in den unterschiedlichsten Zusammensetzungen aus Interessenten, Fachleuten und freundschaftlichen Beratern, denen wir zu großem Dank verpflichtet sind. Naturgemäß ging es hierbei nicht ohne Auseinandersetzungen, ja manchmal Streit ab, doch ist es dem Kirchengemeinderat immer wieder gelungen, einen Ausgleich zu schaffen und für die notwendige Koordination zu sorgen.
 
Besonders wertvoll waren dabei auch Besichtigungsfahrten, welche die unterschiedlichsten, am Entscheidungsprozeß beteiligten Gruppen zu renovierten Kirchen in der näheren und weiteren Umgebung unternahmen. Eine große Hilfe war ein Holzmodell mit Inneneinrichtung, welches ein Gemeindemitglied mit viel Liebe und Geschick hergestellt hatte, bei der Lösung kniffliger Planungsfragen. Natürlich war bei allen die bewährte Zusammenarbeit mit dem Architekten, Herrn Dipl.-Ing. Jürgen Panchyrz, der für die technische Planung und Bauüberwachung die Verantwortung trug, eine entscheidende Voraussetzung zum Gelingen. Aber auch die Kirchenleitung in Karlsruhe, sowie andere kirchliche Institutionen und Personen haben uns oftmals entscheidende Anregungen und Weichenstellungen gebracht.

Besondere Sorgfalt, sowie viel Zeit und Kraft wurde dem Raumkonzept für den westlichen Altarraum und dessen Ausgestaltung gewidmet. Die Projektgruppe "Kunst und Kirche" entwickelte nach umfangreichen Vorbereitungen eine Ausschreibung für die Hauptstücke (Kreuz, Altar, Ambo), welche dazu führte, dass vier Künstler Modellvorschläge einreichten. Eine Jury empfahl dem Kirchengemeinderat, sich für den Vorschlag des bekannten Pfälzer Bildhauers Franz Bernhard zu entscheiden. Für die Orgel musste ein neuer Standort an der Südseite gesucht werden.
Von Anfang an bestand der Wunsch, auch das Äußere unseres Gotteshauses, das ohnehin so unauffällig in der Häuserzeile verschwindet, zu erneuern und für eine ansprechende Gestaltung des Kirchhofs zu sorgen. Lange war es fraglich, ob Kirchenleitung und Gemeinde auch dafür die Mittel würden aufbringen können. Die Planung der Außenanlagen wurde in die Hände von Herrn Dipl.-Ing. Michael Palm gelegt. Gemeinsam mit ihm wurde das Konzept zur Betonung des neuen Haupteingangs (im Süden) und zur Schaffung einer Begegnungszone mit Möglichkeiten für das Eine-Welt-Café (hinter dem Kirchturm) entwickelt.

Finanzierung
 
Wie auch aus den Beiträgen über frühere Bauaktivitäten hervorgeht, war und ist die Finanzierung eines solch großen Vorhabens für eine verantwortungsvolle Gemeindeleitung mit die schwierigste Aufgabe. Erst nach weitgehender Fertigstellung der einzelnen Bauabschnitte und durch Nachweis der Einhaltung verabschiedeter Kostenplanungen konnte der jeweils nächste Bauabschnitt zur Genehmigung vorgelegt werden.
Nicht zuletzt der Nachweis der erheblichen Eigenmittel - das Resultat großer Spendenbereitschaft unserer Gemeindeglieder - überzeugte die Kirchenleitung vom Ernst und zugleich Realismus unserer Planungen. Grundbesitz, der Gemeinde durch großzügige Erbschaften zugewachsen, wurde veräußert. Der Gemeindebauverein mit seinen Gruppen und Aktionen, besondere Aktivitäten anderer Gemeindegruppen trugen und tragen ganz erheblich zu diesem Eigenkapital bei. Spezielle Erwähnung verdient der überaus erfolgreiche Handarbeitskreis des Frauenvereins, der seit Jahren große Teile seiner Einnahmen aus dem Verkauf der Produkte für das Kirchenerneuerungsprojekt zur Verfügung stellt. Viele kleine und große Einzelspenden - zum Teil zweckbestimmt für besondere Maßnahmen und Anschaffungen - und ganz besonders die großzügige Spende der Familie Peter Engelhorn, welche bereits 1970 unser Dorf verlassen hat, haben in erheblichem Maße zu einer soliden Finanzierung beigetragen.
Das Prinzip der Drittelfinanzierung sieht nämlich vor, dass neben einem (verlorenen) Zuschuss der Landeskirche, diese für das dritte Drittel zinsgünstige Darlehen zur Verfügung stellt. Diese Darlehen müssen rasch zurückgezahlt werden und belasten somit das Budget der Gemeinde ganz erheblich, zumal ja noch Darlehen aus den früheren Vorhaben (Sanierung Kindergarten, Sanierung Pfarrhaus und Neubau Gemeindezentrum) abzuzahlen sind. Nur durch anhaltend hohen Zufluss von Spenden und Erträgen kann diese Last für zukünftige Generationen erträglich gehalten werden.
 
Bauausführung
 
Der erste Bauabschnitt galt den baulichen Mängeln, die vor allem mit dem nachträglichen An- und Einbau unseres Kirchturms im Jahre 1908 zusammenhingen. Gleichzeitig wurde auch der gesamte Dachraum saniert und damit die Voraussetzung zum Erhalt unserer Stuckdecke, eines der wenigen schmückenden Elemente aus alter Zeit, geschaffen. All dies konnte 1996 planmäßig abgeschlossen werden.
 
Mit dem zweiten Bauabschnitt, dem Bau des Sakristeigebäudes wurde unter widrigen Wetterbedingungen im Spätjahr 1997 begonnen und es konnte noch 1998 in Betrieb genommen werden. Der teure Anbau beherbergt nun neben Sakristeiräumen, Toiletten, Heizungsanlage und Lagerraum. Durch Ausbau des Dachgeschosses, weitgehend in Eigenhilfe, fand der Eine-Welt-Laden nach einigen Provisorien eine endgültige Heimat.
 
Als wichtige Voraussetzung für die Neugestaltung des Kirchenraums waren der Verkauf und Abbau unserer Orgel auf der Empore noch 1997 gelungen, wobei die überaus aktive Orgelgruppe auch hierbei entscheidend mitgewirkt hat.
 
Der dritte Bauabschnitt endlich war dem Kircheninnenraum gewidmet und stellte das größte und teuerste Vorhaben dar. Es begann in den ersten Tagen des Jahres 1997 mit einer beispielhaften Aktion in Eigenhilfe: Sakristeiabgrenzung, Kirchenbänke, Holzfußböden und Podeste wurden ausgebaut, eingelagert oder entsorgt, so dass die Baufirma nunmehr die Gerippe der beiden Emporen entfernen musste, um mit der Vorbereitung für die neue Bodenplatte zu beginnen. Nach Entfernung der Emporen war ein großzügiger Hallenraum entstanden, so dass die neue (kleinere) Empore zunächst auf Bedenken stieß. Sie fügte sich aber harmonisch und elegant ein, ohne zu sehr einzuengen und gewährleistet mit dem erweiterten Chorraum die gleiche Anzahl Sitzgelegenheiten.
 
Die moderne Fußbodenheizung erwärmt den Bodenbelag aus Mainsandstein, auf dem die Einzelstühle, in der Farbe mit dem übrigen Kirchenraum abgestimmt, die gewünschte Flexibilität gewährleisten. Die Fenster konnten komplett erneuert werden und tragen nun zu dem einheitlichen, hellen, freundlichen Bild bei, wobei die früher gestifteten farbigen Fenster in der Straßenfassade durch abendliche Beleuchtung einen besonderen Akzent setzen. Das schließlich gefundene Beleuchtungskonzept sollte nun allen denkbaren Erfordernissen Rechnung tragen.
 
Die Hauptstücke von Franz Bernhard geben dem westlichen Altarraum einen spannungsreichen Mittelpunkt. Das große, aus Holz und Eisen gefertigte Kreuz ist am Kopfteil an der Wand befestigt. Der Kreuzkörper "schwebt" vor der Wand und bildet in dem komplizierten Raum einen Ruhepol. Für das Kreuz wurde das Holz eines Birnbaums verwendet, der beim Bau des Gemeindezentrums gefällt werden musste und nun im Kreuz wieder "lebendig" wird. Ein schlichter Ambo und ein aus drei mächtigen Birnbaumplatten geschichteter Altartisch sollen mit dem Kreuz eine in sich geschlossene Einheit bilden, die Ruhe und Festlichkeit ausstrahlt und dem Kirchenraum ein unverwechselbares Gesicht geben soll. Nach langen Diskussionen wurde als Erinnerung an frühere Gestaltungsformen die alte, erste Kanzel nach sehr sorgfältiger Restaurierung an der Nordwand funktionsfähig angebracht. Wenn dann die Orgel an der Südwand steht, könnte mit dem Kreuz an der Stirnwand ein erweitertes Dreieck entstehen. Dieses Gesamtkonzept sollte für unterschiedliche Gottesdienstformen und für die Kirchenmusik flexible Gestaltungen ermöglichen und ein zugleich behutsames und mutiges Zeichen setzen: Altes bewahren aber auch Neues wagen.
 
Die Außensanierung mit Außenanlagen stellte den vierten Bauabschnitt dar, welcher gerade mal rechtzeitig zum Jubiläum fertig gestellt werden konnte. Ohne die bereits erwähnte große, zweckgebundene Einzelspende hätten wir dieses festliche Erscheinungsbild nicht schaffen können. Der warme Farbton und der Sandsteinsockel fügen sich harmonisch in das Dorfbild und das weitere Umfeld ein, der Kirchhof könnte sich zu einem weiteren Dorfmittelpunkt entwickeln.

Helmut Determann mit Beiträgen von Hans Irion und Hans-Joachim Klimisch