Die Lutheraner in unserem Dorf, ihre kirchliche Situation bis zur Union 1821

 
Wann sich in Lützelsachsen erstmals Menschen zum lutherischen Glauben bekannt haben, ist nicht bekannt. (1) Es wird vermutet, daß sie als Zuwanderer in unser Dorf kamen. Jedenfalls stellten sie wie die katholischen und jüdischen Mitbürger eine Minderheit in der Gemeinde dar. Die Reformierten überwogen. Im Jahre 1807 z.B. zählte die Gemeinde Lützelsachsen 843 Einwohner. Davon bekannten sich 485 Personen (58%) zum reformierten und 153 (18%) zum lutherischen Glauben. Der Anteil der Katholiken betrug 16% (139 Personen) und der der jüdischen Bevölkerung 8% (66 Einwohner. (2)
Offiziell waren die Lützelsachsener Lutheraner "nach Weinheim eingepfarrt". (3) Mit dem dortigen Pfarrer August Ernst Hermann kam es aber bald zu unliebsamen Auseinandersetzungen. Schließlich weigerte er sich, Eheschließungen der Lützelsachsener Lutheraner vorzunehmen und ihre Kinder zu taufen. (4) In ihrer Not wandten sie sich 1782 an das Kurfürstliche Konsistorium in Heidelberg mit der Bitte, "den Pfarrer Hermann in Weinheim anzuweisen, daß er wieder, wie früher, die Kinder taufen, kopulieren (Ehe schließen) und von Zeit zu Zeit Gottesdienst in Lützelsachsen halten, und den Zwist zwischen der Gemeinde und ihm beilegen möge". (5) Die Gemeinde besaß damals schon eine eigene Kirche und ein eigenes Schulhaus, die aber in sehr schlechtem baulichen Zustand waren. Ein Dokument vom 2. Januar 1770 gab Zeugnis vom festen Willen der lutherischen Gemeinde, den Bau einer neuen Kirche in die Tat umzusetzen: "Unter heutigem Dato war die gantze hiesige Evangelische lutherische Gemeinde versamlet sich zu bereden, wie man es in Ansehung des Kirchenbaues anzufangen habe, daß dadurch der Nutzen der Gemeinde befördert werden möge. Da nun vorgekommen, daß die Schwetzinger Lutheraner ihre alte Kirche welche noch in recht gutem Stand seye zu verkaufen willens, als haben sich unten benannte beredet und einmüthig beschlossen, daß man suchen solle, solche Kirche an sich zu bring; damit aber auch desto eher der Zweck erhalten werden könne hat ein jeder sich freywillig dahin verstanden, etwas gewißes wie folget beyzusteuern. Um im stand zu seyn das Versprechen zu halten würde das erste Ziel auf Johannis 1770, das zweite auf Michaelis, auf Weynachten das dritte gesetzt". (6) Es folgten Namen mit Spendenzusagen von 39 Personen. Warum es nicht zum Ankauf der Schwetzinger Kirche kam, ist unbekannt.
1804 bestätigte Maurermeister Rutz den beklagenswerten Zustand der alten Evangelisch-Lutherischen Kirche; sie wurde bei der amtlichen Begehung als einsturzgefährdet bezeichnet. (7) Mit dem Ortsvorstand von Lützelsachsen gab es Streit um das Bauholz. Die lutherische Gemeinde fühlte sich gegenüber den Katholiken und Reformierten stark benachteiligt, zu Recht, wie aus dem Briefverkehr von Pfarrer Kern mit dem "Kurfürstlichen Specialat" hervorgeht und im Bericht dieser Behörde an den "Kurfürstlichen Hochpreißlichen Kirchenrat" bestätigt wird. (8) Daher erging vom "Freyherrlich Hundheimischen Amt" in Ilvesheim am 25. August 1804 die Anordnung, die Holzverteilung "gleichförmig zu machen und die Evangelisch-Lutherische Gemeinde hierin zufrieden zu stellen". (9) Der Holzstreit zog sich noch länger hin, die Bausubstanz von Kirche und Schulhaus wurde immer schlechter.
Am 2. April 1806 bat das Specialat in Heidelberg die oberste Kirchenbehörde nach eingehender Besichtigung um eine "Schlüsselkollekte", um die lutherische Gemeinde beim Neubau ihrer Kirche zu unterstützen, da die alte nur noch abzureißen sei. (10) Überlegungen, doch noch zu reparieren, machte Diakon Metzger zunichte, der die Kirche abreißen ließ, nachdem die reformierte Kirchengemeinde von Lützelsachsen den Lutheranern die Erlaubnis zum einstweiligen Mitgebrauch ihrer Kirche gegeben hatte. Im Schreiben des Specialats Heidelberg vom 26. Oktober 1806 an den "Großherzoglichen Kirchenrath" lesen wir darüber: "Wenn gleich Diakonus Metzger hiebei ohne allen Auftrag und äußerst voreilig gehandelt hat, so muß man ihm doch wohl noch durch Zufall Dank dafür wißen, weil einige Tage nach dem Abreißen ein so heftiger Sturm in dieser Gegend gewütet hat, daß er die dicksten Bäume mit den Wurzeln ausriß , und daß er höchstwahrscheinlich auch die wankende Kirche umgerißen, vielleicht noch Unglück angerichtet, und Holz und Ziegeln, was nun noch davon brauchbar ist, zertrümmert haben würde". (11)
1807 wurde ein Bauplan für eine Kirche mit Glockentürmchen erwähnt, der aber nicht zur Ausführung kam. (12)
Die Lutheraner besaßen nun zwar die Genehmigung, in der reformierten Kirche Gottesdienste zu halten, so richtig freuen aber konnten sie sich über diese Entscheidung nicht, denn sie durften weder die Glocken läuten noch die Orgel benutzen. (13) Außerdem "hatten sie, Gottesdienst für Gottesdienst, genau ein Drittel ihres Kirchenopfers an die reformierte Pfarrkasse abliefern". (14) Die völlige Mitbenutzung der Kirche blieb ihnen versagt, auch war nicht geklärt, ob der Vertrag nach einem Jahr verlängert werden würde. Verständlich, dass sie sich immer wieder mit dem Gedanken beschäftigten, ein eigenes Gotteshaus zu bauen.
Einem Bericht des "Specialats Unter-Heidelberg" an die "Großherzogliche, Hochpreißliche, Ev. Lutherische Kirchen-Oeconomie-Commission" zufolge zählte Lützelsachsens lutherische Gemeinde 1809 bereits 250 Seelen. Allerdings entnehmen wir diesem Dokument vom 20. Oktober 1809, wie unbefriedigend ihre kirchliche Situation damals war. In Ermangelung eines eigenen Gotteshauses fühlten sie sich in ihrer Religionsausübung so eingeengt, dass sie eine Auswanderung nicht ausschlossen. (15) Da bot sich eine Lösung an: Die Weinheimer Deutschordenskapelle wurde 1809 zur Versteigerung angeboten. In dem schon erwähnten Bericht des Specialats Unter-Heidelberg waren die Kaufbedingungen ausführlich beschrieben. Unter anderem schienen zwei Gründe das Specialat überzeugt zu haben, den Kauf zu empfehlen:
1. ... daß "auch der letzte Versuch, die Ev. Reformierte Gemeinde zu Litzelsachsen zur freiwilligen Überlassung des Mitgebrauchs ihrer Kirche an die dasige Ev. Lutherische Gemeinde, nur auf einige Jahre zu bewegen, ..." mißlang.
2. ... "daß die gesamten Kosten sich nicht über 1200 fl. belaufen werden, eine Summe, wofür man kaum ein gemeines Bauernhaus bauen oder erkaufen kann. Bei so günstigen, und so ganz unerwartet eingetretenen Umständen, glaubt daher das Specialat auch - damit endlich einmal der gerechte und sehnsuchtsvolle Wunsch der Gemeinde nach einer Kirche befriedigt, und die Quelle so vieler bisherigen Unannehmlichkeiten verstopft werden möge..."
Am 18. Oktober 1809 ersteigerte Heinrich Diesbach die katholische Deutschordenskapelle zum Bau der lutherischen Kirche in Lützelsachsen. Er erhielt den Zuschlag für 375 fl. (16). Mit dem Erwerb waren aber noch einige Auflagen verbunden, so dass sich die vom Specialat Unter-Heidelberg genannte Gesamtsumme von 1200 fl. auf 2775 fl. und 22 Kreuzer erhöhte. (17)
Am 7. März 1810 genehmigte das Finanzministerium auf Antrag einen Zuschuss aus der Staatskasse in Höhe von 700 fl. In dem Beschluss der Ministerialkonferenz vom 23. des Vormonats hieß es: "Bei der vorgetragenen Unzulänglichkeit der Mittel der Evang. Luth. Gemeinde in Lützelsachsen und bei der anerkannten Unstatthaftigkeit einer Collecte sey es der Höchste Wille Sr. K. Hoheit, daß dasjenige, was zur Ergänzung der auf 2090 fl. angeschlagenen Baukosten mangelt, aus der Staatskasse mit höchstens 700 fl. zugeschossen werde,...".(18)
Die Spannungen zwischen Lutheranern und Reformierten in jener Zeit scheinen aber kein spezielles Lützelsachsener Problem gewesen zu sein. Im Zusammenhang mit dem Wunsch der Lützelsachsener Lutheraner nach der Wiedererbauung einer eigenen Kirche war das Justizministerium zwar der Meinung, dass "sich die lutherische dem dortigen Evang. Reform. Kirchenspiel in Besuchung des Gottesdienstes hätte anschließen können". Im gleichen Schreiben vom 20. Januar 1810 wird aber gegenüber dem Finanzministerium unmissverständlich festgestellt, dass der "heillose Sektengeist in der niederrh. Provinz unter diesen beiden Confessionen noch so groß ist, daß nach den gemachten Erfahrungen ehe(r) eine gänzliche Kirchenverlassung als eine solche Religionseinigkeit zu erwirken sey, ...". Das Justizministerium würde es daher begrüßen, wenn man den "bedrängten Lutheranern" beim Bau ihrer eigenen Kirche "zweckmäßig unter die Arme greifen" könnte. (19)
Dennoch blieb der Bau einer eigenen lutherischen Kirche in Lützelsachsen weiter im Widerstreit. In Gegenwart des Gr.Amtmann Breithorn wurde am 12. Juni 1810 nach Rücksprache mit Inspektor Külp und mit dem lutherischen Pfarrer die Frage gestellt, "ob deren Einräumung der reformierten Kirche in Lützelsachsen zum schicklichen Mitgebrauche über den lutherischen Gottesdienst alda der von dieser Confessionsgemeinde beabsichtigte Wiederaufbau einer eigenen Kirche unterbleiben könne?"
Zu diesem Zweck besprach man sich am Vormittag des 12. Juni 1810 mit dem reformierten und am Nachmittag mit dem lutherischen Kirchenvorstand "nebst den Gerichtspersonen von jeder dieser Confessionen". Die Versuche, die reformierte Gemeinde zur Zustimmung zu bewegen, blieben jedoch ganz ohne Erfolg. Ganz zu schweigen von der gehegten Hoffnung, bei der Unterredung der Religionsvereinigung von Reformierten und Lutheranern näher zu kommen.
"Pfarrer Kilian von der refomierten Gemeinde äußerte sich dahingehend, daß so wie auf der Kanzel Luthers Bibel wegen der besseren Übersetzung läge, und als Muster gebraucht würde, er nicht einsähe, warum die Lutheraner nicht auch die bessere Lehre vom reformierten Abendmahle annehmen, und sich den reformirten anschliesen, dann das mit vollenden wollten, was die reformirte mit dem Vorbeispiel von Luthers Bibel beabsichtigten". (20)
Ludwig Wien beschreibt in seinem Buch "Ein Kelch - Ein Brot" (21) am Beispiel Lützelsachsen die konfessionellen Auseinandersetzungen jener Zeit sehr anschaulich. Er bezeichnet Lützelsachsen als Testfall für eine Vereinigung der Reformierten mit den Lutheranern, der allerdings erfolglos blieb: "Es habe sich ja nun herausgestellt, dass die Vermögensverhältnisse der Vereinigung mehr im Wege seinen als irgendwelche Glaubensunterschiede". Den Bau einer zweiten Kirche im Dorf sieht er sehr kritisch: Statt einer erreichten Vereinigung habe man eher "eine tiefwirkende Verfeindung und Entzweiung erreicht".
Die lutherische Kirche wurde jedenfalls mit dem Abbruchmaterial der Weinheimer Deutschordenskapelle in der Wintergasse erstellt und am 18. August 1811 eingeweiht. Sie diente der Gemeinde allerdings nur zehn Jahre als Gotteshaus. Durch die Bildung einer gemeinsamen evangelischen Kirche in Baden (Union) aus Reformierten und Lutheranern im Jahre 1821 wurde es überflüssig. Heinrich Jost kaufte das Kirchengebäude und baute es zu einem Wohnhaus mit Scheuer um. 1840 erwarb das Anwesen die jüdische Gemeinde für 1700 fl. Nach entsprechender Umgestaltung diente es der jüdischen Gemeinde von 1841 bis 1936 als Synagoge. (23) Heute wieder Wohnhaus, erinnert nur noch der Chorabschluss und auf der gegenüberliegenden Giebelseite ein Steinrelief mit dem Lamm Gottes an das sakrale Gebäude.
Karl Riemer