Die kirchliche Situation in Lützelsachsen vor dem Bau der evangelisch-reformierten Kirche

 
Über die kirchlichen Verhältnisse in Lützelsachsen vor 1774 gibt es unterschiedliche Aussagen. Valentin Fitzer vertritt in seinen Aufzeichnungen (1) die Auffassung, dass das Kloster Lorsch im Jahr 805 in Lützelsachsen nicht nur "reichen Grundbesitz" besaß. Er ist überzeugt, dass sich hier zu jener Zeit auch ein Kloster mit einer Kapelle befunden haben muss: "Während Lützelsachsen eine Kapelle besaß, war doch die Hauptkirche die Jakobskirche auf dem Friedhof in Hohensachsen und die Mönche des Klosters in Lützelsachsen sollen ihren Weg vom Kloster aus dem Heckenpfad entlang bis zum Rohr´schen Garten, von da hinunter zum Jakobsbrunnen und von dort weiter bis zur Kirche auf dem Friedhof genommen haben. Das Kloster und mit ihm die Kapelle scheint in den Wirren des 30-jährigen Krieges eingegangen zu sein."
Fitzer bezieht sich auf das Gewann "Münchgarten", das früher bis hinauf zu den Gärten der Schlossgasse reichte und als Klostergarten gedient haben soll. Als weiteres Indiz werden Fundamentmauern in einer Stärke von 1,2 m genannt, auf die man im Anwesen Sommergasse 41 stieß. Schließlich werden noch verschiedene Funde aufgeführt, die auf ein früher vorhandenes Kloster auf Lützelsachsener Gemarkung haben schließen lassen: ein 28 Pfund schweres Türschloss, ein menschliches Skelett, Tonrohre einer Wasserleitung und zwei kleine Glöckchen, die man als Klingelbeutelglöckchen bezeichnete (2).
Für Josef Fresin (3) sind solche Überlegungen reine Spekulation. Bestätigt werden kann lediglich, dass das Kloster Lorsch in Lützelsachsen (urkundlich erstmals 877 als "Sachsenheim minor" erwähnt), (4) über nennenswerte Besitzungen verfügte. Graf Liuther (Leuterhausener Namensgeber: Hausen des Liuther) schenkte dem Kloster Lorsch 877 neun Knechtshufen in Lützelsachsen (5). Durch weitere Schenkungen im 9. und 10. Jahrhundert "kam Lützelsachsen nahezu ganz in die Hand des Klosters Lorsch" (6). Der Lorscher Klosterhof in der Lützelsachsener Schlossgasse war ein ansehnlicher landwirtschaftlicher Betrieb, "mit dem auch herrschaftliche Rechte verbunden waren. Es war dies aber nicht ein Kloster, wie man mehrfach gemeint hat, sondern eine große Hofanlage, die von der Schlossgasse bis zur Weinheimer Straße" reichte (7). Damit bestätigt sich auch die Aussage des Amtes für Denkmalpflege Karlsruhe, dass in Lützelsachsen "bis ins 18. Jahrhundert nie eine Kirche vorhanden gewesen war" (8). Die Gläubigen aus Lützelsachsen mussten von jeher zum Kirchenbesuch nach Hohensachsen gehen, denn die "Kirche am Berg" am Hohensachsener Friedhof (später St. Jakobuskirche) war damals christliches Zentrum für die Sachsendörfer (9).
In der Zeit des Kurfürsten Otto Heinrich (1556-1559) wurden die Dörfer an der Bergstraße weitgehend reformiert und die "Kirche am Berg" wurde 1556 Gotteshaus für die reformierte Kirchengemeinde. Im Dreißigjährigen Krieg "schwer getroffen" muss sie aber "eine Zeitlang den Katholiken als Gotteshaus gedient haben", bis sie nach den Kriegswirren wieder den Reformierten zufiel und den Gläubigen der Gemeinden Hohensachsen, Lützelsachsen, Großsachsen und Heiligkreuz als gemeinsames Gotteshaus diente (10).
Schwierig wurde die Situation für die evangelischen Christen in der Kurpfalz, nachdem Kurfürst Friedrich V. auf dem Reichstag zu Regensburg 1622 abgesetzt und Herzog Maximilian von Bayern mit der Kurwürde belehnt worden war: Wer in der Pfalz nicht katholisch werden wollte, musste 1626 auswandern, und im Winter 1634/35 wurden alle protestantischen Pfarrer aus der Pfalz vertrieben. Erst Kurfürst Karl Ludwig (1649-1680) lud nach Beendigung des Dreißigjährigen Krieges alle Ausgewanderten zur Rückkehr ein und nahm auch Fremde aller Konfessionen in der Kurpfalz auf (11).
Bei den kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Kaiser Leopold und dem Sonnenkönig Ludwig XIV. von Frankreich brannte die "Kirche am Berg" 1674 völlig aus. Nur der Kirchturm blieb stehen, war aber so stark beschädigt, dass er 1714 währen des Gottesdienstes einstürzte. Pfarrer Hans Philipp beschreibt die damalige Situation der evangelischen Kirchengemeinde in seinem Vortrag (12) zum 200. Kirchweihtag der evangelischen Kirchengemeinde Hohensachsen am 26. Januar 1930:
"Nach dem Turenn´schen Einfall also: eine halb zerstörte Kirche, ein baufälliger Kirchturm, kein Pfarrhaus, aber immer noch eigene Pfarrei, zu welcher außer Lützelsachsen noch Großsachsen und Heiligkreuz gehörten."
Unter großem persönlichen Einsatz von Pfarrer Adam Preuel, dem zweiten Pfarrer nach dem Turenn´schen Einfall konnte Kirche und Pfarrhaus in Hohensachsen "sozusagen aus dem Nichts" (12) wieder aufgebaut werden. Unter Pfalzgraf Johann Wilhelm (1690-1716) wurden die reformierten Kirchen der Pfalz "Simultankirchen". Das bedeutete, dass in der Hohensachsener reformierten "Kirche am Berg" ab 1700 auch katholischer Gottesdienst gefeiert wurde. Aber schon fünf Jahre später (1705) wurde sie allein der katholischen Gemeinde zugewiesen. Dies geschah auf der Grundlage des "Augsburger Religionsfriedens": Der Landesherr bestimmte den Glauben seiner Untertanen. (13)
Der evangelische Gottesdienst musste vorerst in einer Scheune stattfinden. Hinzu kam die schwierige Situation, dass die Hohensachsener reformierten Pfarrer jener Zeit 13 Gemeinden zu betreuen hatten, darunter auch Lützelsachsen (14). In ihrer großen Not wandte sich die evangelische Kirchengemeinde Hohensachsen in einem Schreiben vom 23. November 1712 an den Kurfürsten Johann Wilhelm:
"Durchlauchtigster Kurfürst, gnädigster Kurfürst und Herr!
Nachdem die arme reformierte Gemeinde zu Hohensachsen durch die anno 1707 geschehene Kirchenteilung von dasiger Kirch-, Pfarr- und Schulhaus excludiert (ausgeschlossen), ihren Gottesdienst bisher in einer offenen Scheuer gehalten, darin aber Wind, Regen und Schnee exponiert gewesen, und ist daneben mit der Schul öfters, und zwar an abgelegenen und unbequemen Ort mutieren (wechseln) muß: als siehet die reformierte Gemeinde von Hohensachsen unumgänglich nötig etwas beständiges zu ihrem Gottesdienst für sich und ihre Kinder zu besorgen, findet sich aber aus ihren eigenen Mitteln zu bauen zu arm, legte dero wegen diese untertänige Bitte Eurer kurfürstlichen Durchlaucht nieder, daß ihr gnädigst erlaubt werden möge, eine Kollekte zu sammeln...." (15).
Die katholische Regierung genehmigte die Sammlung. Von 14 Gemeinden gingen 291 Gulden 24 Kreuzer ein, so dass am Standort der heutigen evangelischen Kirche in Hohensachsen die "291-Guldenkirche" gebaut werden konnte.
Auch der von Jesuiten erzogene Kurfürst Karl Theodor (1742-1799) zeigte sich aufgeschlossen gegenüber den Protestanten und kam ihnen in allen kirchlichen Angelegenheiten entgegen. In seine Regierungszeit fällt der Bau der evangelisch-reformierten Kirche in Lützelsachsen: 1769-1774.(16)
Karl Riemer