Die Zeit von 1860 bis 1921 mit dem 100-jährigen Jubiläum

 
Seit der Einweihung der Kirche im Jahre 1774 mussten in der evangelischen Kirche von Lützelsachsen gelegentlich kleinere Reparaturen durchgeführt werden. Da das eigene Geld knapp war, wurde der Oberkirchenrat angeschrieben. Er spendete z.B. 1863 80 fl. aus dem Unterländer Kirchenfond. (1) Zum 100-jährigen Jubiläum dagegen sollte die Kirche einer gründlichen Renovierung unterzogen werden. Außerdem sollte eine Gedenkglocke angeschafft werden. Da die Mittel hierzu erst recht fehlten, richtete der damals amtierende Pfarrer Braun zwei Bittgesuche an den Großherzog von Baden um Bewilligung von Kanonenmetall (aus eroberten Geschützen) zum Glockenguss. Vom Großherzog kam jedoch der Bescheid, dass nichts mehr vorhanden sei. Er spendete jedoch am 27. Januar 1874 aus Privatmitteln 100 fl.
Am 21. Februar 1874 schrieb Pfarrer Braun an den Oberkirchenrat in Karlsruhe (2):
"Die evangelische. Kirchengemeinde Lützelsachsen beabsichtigt, im Monat August d. J. das hundertjährige Bestehen ihrer Kirche mit Gottes Hülfe feierlich zu begehen. Sie hat im Blick auf diese Feier die Anschaffung einer Gedenk-Glocke und die Restauration des Innenraumes der Kirche durch die Kirchengemeindeversammlung beschlossen. Die Anschaffung einer neuen Glocke, weil die Kirchengemeinde schon seit Jahren wiederholt den Wunsch zu erkennen gegeben hat, das bisherige Geläute in nur 2 verhältnismäßig kleinen Glocken bestehend, von dünnem und schrillendem Tone, durch eine weitere Glocke in ein voller und harmonischer klingendes Geläute, wie es der Größe der Gemeinde und der Würde des Gotteshauses entspräche, umzuwandeln. Und die Restauration des Innenraumes der Kirche, weil derselbe seit Menschengedenken weder durch Erneuerung der Wände noch des Getäfels und übrigen Holzwerks aufgefrischt worden ist und so je länger je mehr einen unfreundlichen Eindruck auf die Besucher des Gotteshauses machen muß."
Pfarrer Braun verwies anschließend darauf, dass Lützelsachsen weder zu den "berechtigten" noch zu den "ausgefallenen" Gemeinden gehörte und somit den Unterhalt der Kirche aus eigenen Mitteln zu bestreiten hatte. Er schreibt weiter:
"Die Kirchengemeinde selbst hat durch Zeichnung von freiwilligen Beiträgen die Summe von 450 fl. aufgebracht. Immerhin sind wir hiermit noch lange nicht in die erwünschte Lage versetzt, die Kosten für Erstellung einer Gedenk-Glocke und Herrichtung des Innenraumes der Kirche bestreiten zu können. - Nach den mit Glockengießer Hamm in Frankenthal bereits eingeleiteten Verhandlungen würde die neue Glocke im Gewicht von ca. 600 Pfund nebst gußeisernem Glockenstuhl von ca. 500 Pfund einen ungefähren Aufwand von 600 - 630 fl. verursachen; und die Restauration des Innern der Kirche dürfte selbst bei Beschränkung aufs Notwendigste und bei einfachster Ausführung eine Summe von mindestens 250 bis 300 fl. erforderlich machen. Kleine Mehrbeträge oder unvorhergesehene Ausgaben aber noch dazugerechnet, möchte der Gesamtbetrag der zu erwartenden Ausgabe mit 1000 fl. nicht zu hoch gegriffen sein. Die verfügbaren Mittel im Betrag von 550 fl. würden also für Bestreitung des erforderlichen Aufwands nur zur Hälfte hinreichen.-
Unter diesen Verhältnissen wagt denn der gehorsamst unterzeichnete Kirchengemeinderat auch seine Zuflucht zu hoher Oberkirchenbehörde zu nehmen mit der untertänigsten Bitte, hochdieselbe möchte mit einem guttatsweisen Beitrag zu besagtem Zwecke die Kirchengemeinde Lützelsachsen erfreuen und laben. Wir, dieser frohen Erwartung um so zuversichtlicher, als Hohe Behörde aus der Bereitwilligkeit der Gemeinde die Überzeugung gewinnen kann, daß sie nicht nur von Andern das Auftun ihrer milden Hände für ihr Bedürfnis erwartet, sondern daß sie selbst zu opfern bereit ist....
Lützelsachsen, den 21. Februar 1874
Eines Hohen Oberkirchenrats
untertänigster evang. Kirchengemeinderat:
Braun Pf., Bitzel II, Schneider, Koch, Lebkuchen, Rohr, Ziegler III "
Drei Monate später wurde der Kirchengemeinde mitgeteilt, dass für die Renovierung der Kirche 500 fl. aus dem Unterländer Kirchenfond bereitgestellt werden. (3) Fitzer schreibt, dass eine Glocke gegossen und im Turm aufgehängt wurde. Als aber Kaiser Wilhelm I. gelegentlich eines Besuches in Karlsruhe das Bittgesuch las, überwies er sofort der Gemeinde eine größere Menge Metall, wodurch die Gemeinde in die Lage kam, eine neue noch größere Glocke gießen zu lassen. Die kleinste Glocke wurde nun entfernt und fand Platz auf einem auf dem Schulhaus errichteten Türmchen. (4)
Im Jahre 1883 musste die Kirchengemeinde Lützelsachsen eine neue Orgel anschaffen. Das evangelische Orgelbaukommissariat in Mannheim hatte ein Gutachten abgegeben, worin bestätigt wurde, dass die alte Orgel nicht mehr reparabel sei und erneuert werden müsste: "..im Inneren des Werkes sind etwa 100 Pfeifen von den Mäusen angenagt, die Mechanik ist ausgeleiert und nicht mehr reparierbar, ebenso die Blasbälge. Wir müssen die Orgel als die schlechteste in der Diözese Ladenburg-Weinheim bezeichnen" (5) Ob auch das Gehäuse - ein Meisterwerk der Holzschnitzerei, in der Mitte auf einem Sockel stehend König David mit der Harfe - so altersschwach war, dass es nicht mehr verwendungsfähig war (wie der Orgelbauer behauptete), scheint sehr zweifelhaft. Als beim Abmontieren einem Kirchengemeinderat das Missgeschick passierte, den im Gang der Kirche stehenden König David umzuwerfen, wodurch ihm ein Daumen abbrach, musste er dem Orgelbauer für die Wiederherstellung 5 Mark bezahlen. (6)
Die alte Orgel sollte verkauft werden, denn in der Badischen Landeszeitung (7) vom Donnerstag, dem 15. Februar 1883 lesen wir folgende Anzeige: "Orgel-Verkauf, Die evang. Gemeinde Lützelsachsen bei Weinheim beabsichtigt, ihre mit 10 klingenden Registern versehene alte Orgel unter billigen Bedingungen dem Verkauf auszusetzen. Lusttragenden ertheilt nähere Auskunft der Vorsitzende des Kirchengemeinderaths, Braun, Pfarrer." Über den Verkaufserfolg finden wir keine Nachricht.
Die neue Orgel wurde von Orgelbauer Burkard im Sommer 1883 aufgestellt und am 1. Juli mit einem Orgelkonzert unter Mitwirkung des Heidelberger Liederkranzes in Betrieb genommen. In den Briefen wird ausdrücklich betont, dass das Orgelbaukommissariat "ein sorgfältig ausgeführtes, gutes Orgelwerk" bestätigt. "Insbesondere ist nur gutes und bestes Material zur Anwendung gekommen. Die Intonation der einzelnen Register ist durchweg egal, charakteristisch schön und verdient lobende Anerkennung". (8) Die Kosten in Höhe von 4250 Mark musste die Gemeinde selbst tragen, da ein vorher gestelltes Gesuch an den Oberkirchenrat um Kostenübernahme abgelehnt wurde. (9)
Doch bereits in den ersten Monaten nach Aufstellung der neuen Orgel versagte diese ihren Dienst (10), "ein Missstand der im Laufe des Winters sich steigerte und ein die Andacht störendes Brummen und Pfeifen während des ganzen Verlaufes des Gottesdienstes zur Folge hatte". Das gesamte Holzwerk der Orgel war infolge Feuchtigkeit gequollen, der größere Teil der Pfeifen mit Schimmel überzogen. Der herbeigerufene Orgelbauer übernahm keinerlei Verantwortung für die Instandhaltung und fühlte sich an die zehnjährige Garantiezeit nicht mehr gebunden, wenn nicht sofort Abhilfe geschaffen werden würde. Die kleiner gebaute, alte Orgel hatte den zur Verfügung stehenden Raum nicht so vollständig ausgefüllt und freien Luftzutritt ermöglicht. Über die Wände eingedrungene Feuchtigkeit konnte so wieder mit der Luft abziehen. Die neue Orgel dagegen lehnte sich an die Außenwand an. Das sich bildende Schwitzwasser führte zu Schimmel- und Schwammbildung. Abhilfe sollte die Trockenlegung desjenigen Teils der Kirche bringen, in dem die Orgel aufgestellt war:
- das zu hoch gelegene Außenterrain sollte abgehoben werden,
- ein Dachkandel und eine Außenrinne sollten angebracht werden,
- Luftlöcher in der Außenwand nahe der Orgel sollten die Luftzirkulation verbessern und
- die zu ebener Erde unmittelbar unter der Orgel angebrachten, jetzt verfaulten Kirchenstühle sollten durch neue ersetzt werden.
Im folgenden Jahr 1884 bedankte sich der Kirchengemeinderat beim Oberkirchenrat für den "gutthatsweisen" Beitrag von 1400 Mark aus dem Unterländer Kirchenfond. (11) Die Gesamtbaukosten lagen bei 1932,75 Mark.
Leider schienen die Maßnahmen nicht für die Dauer geholfen zu haben, denn 1890 war wieder die Rede von aufgetretenem Hausschwamm. (12) Die Ursache lag daran, dass die früher geforderten Maßnahmen nicht alle konsequent durchgeführt wurden: Auf der Nordseite der Kirche lag ein beidseitig geschlossener Hof des Nachbarn, der die Luftzirkulation behinderte. Nach langwierigen Verhandlungen konnte dieses Problem jedoch beseitigt werden.
Der über 100 Jahre alte Holzturm auf der Kirche, ein sogenannter Dachreiter, hielt dem Schwung der inzwischen drei Glocken nicht mehr stand. Im Jahre 1908 musste neben der Kirche ein massiver Turm mit einem Kostenaufwand von 20 000 Mark gebaut werden. (6) Während des ersten Weltkrieges mussten zwei Glocken der Kirche, die Glocke auf dem Rathaus und auf dem Schulhaus als Kanonenmetall abgeliefert werden. Der Kirche blieben zwei Glocken erhalten: die 1794 von Speck in Heidelberg gegossene d"-Glocke und die 1874 von Hamm in Frankenthal zur 100-Jahrfeier gefertigte ais-Glocke. Da der Zusammenklang der beiden Glocken nicht günstig war, wurden die d"-Glocke eingeschmolzen und zwei neue Bronzeglocken (fis und cis) bei Firma Schilling in Apolda im Werte von 39 040 Mark bestellt. (5) Dies war nur durch eine großzügige Spende der Bürgermeisterwitwe Koch und durch eine Sammlung im Ort möglich geworden. Im Oktober 1921 konnten die zwei neuen Glocken in den Turm gehängt werden.
Hanshelmut Käppel