Viele Stimmen - eine Leidenschaft
Passionskonzert des Heidelberger Motettenchores
Domenico Scarlatti hat die Trauer Marias über den Tod ihres Sohnes in einem zehnstimmigen „Stabat mater dolorosa“ meisterhaft eingefangen. Der Heidelberger Motettenchor unter der Leitung von Hans Jochen Braunstein hat sich den Passionshymnus in nur etwas mehr als zwei Monaten Probenzeit erarbeitet und am 7. März in unserer Kirche aufgeführt.
Giuseppe Domenico Scarlatti, italienischer Komponist und Cembalist, wurde 1685 in Neapel geboren. Er lebte und wirkte ab 1729 in Spanien. Virtuos wie seine Sonaten für Cembalo ist auch sein „Stabat mater“, das Scarlatti 1715 als „maestro di capella“ der Capella Giulia des Vatikan komponiert hat. Analog zur Abfolge vom vielstimmigen Ringen um das Leben und dem Aushauchen von Jesu Geist weichen im Stück auch die Stimmen einer nüchternen Klarheit. Umso leidenschaftlicher erscheint die Bitte, Maria möge entflammt und entzündet (inflammatus et accensus) die gläubigen Sänger am Tag des Gerichts verteidigen.
Der Heidelberger Motettenchor wurde lediglich von Ulrike Klamp an der Violone und Rudolf Merkel an der Laute versiert und zurückhaltend begleitet. Neben zwei Sonaten, die Rudolf Merkel auf einer Erzlaute darbot, eröffnete der Motettenchor das Konzert mit dem Stück „Ich lieg und schlafe ganz mit Frieden“ von Johann Christoph Friedrich Bach. Die beiden Sonaten auf der Laute strahlten schwebende Stimmung und Ruhe aus. Die hohe Konzentration war Rudolf Merkel anzusehen. Zu hören war eine bezaubernde Leichtigkeit.
Auch Ulrike Klamp mit der Violone fügte sich in den Chorklang ein. Der Motettenchor meisterte die Fugen und fugenartigen Abschnitte mit ihrer rhythmisch und melodisch herausfordernden Vielstimmigkeit, was vielleicht auch ein Grund ist, warum das „Stabat mater“ von Scarlatti nicht so oft zu hören ist. Die Stimmen haben selbstbewusst ihren Part vertreten und haben insgesamt die traurige und doch leidenschaftliche Vielstimmigkeit dargestellt.
Passion ist nichts für schwache Nerven. Mit 21 Sängerinnen und Sängern ein zehnstimmiges Werk aufzuführen, ist eine echte Herausforderung. Im Konzert war zu spüren, dass nicht nur das überwältigende Gefühlsdurcheinander, das Jesu Tod auslöst, sondern auch ein zehnstimmiges Chorstück volle Aufmerksamkeit erfordert. Besonders an Stellen, in denen die Vielstimmigkeit einem Chorklang weicht, haben die Stimmen des Mottetenchors ihren klaren und vollen Klang entfaltet. Auch bei der Strophe „inflammatus et accensus“ konnte der Chor seine Leidenschaft zeigen. Dem Motettenchor und Hans Jochen Braunstein ist für die Aufführung großer Respekt zu zollen. Das stille und andächtig gemischte Publikum von etwa 70 bis knapp 100 Personen bedankte sich mit anhaltendem Applaus für das Passionskonzert.


